
Hausärzte protestieren gegen Kostenbremse bei Sonderverträgen Nahezu alle Beteiligten des Gesundheitssystems sind von den Sparplänen der Regierung betroffen. In der Kritik steht deshalb die Protestkampagne der Hausärzte, die sich gegen Einschnitte bei künftigen Honorarsteigerungen richtet. Mit einer bundesweiten Kampagne will der Deutsche Hausärzteverband (DHV) Teile der von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) vorgeschlagenen Sparpläne im Gesundheitswesen noch verhindern. Im Kern geht es um die Höhe künftiger Honorarsteigerungen für Allgemeinmediziner. Während Rösler diese auf den Durchschnitt der Gesamtheit aller anderen Arztgruppen begrenzen möchte, fordern die Hausärzte den Beibehalt des Status quo. Dieser sieht eine Quasi-Monopolstellung ihres Verbandes bei der Vereinbarung lukrativer Sonderverträge mit den Kassen vor. Die Protestaktion der Mediziner umfasst zunächst im Wesentlichen eine Plakataktion. Bereits angekündigte Praxisschließungen hatte DHV-Chef Ulrich Weigeldt wieder abgesagt, nachdem Rösler seinen Verband davor gewarnt hatte, Proteste auf dem Rücken von Patienten auszutragen.
Pflicht zu Hausarztverträgen stark umstritten
Gesetzliche Krankenkassen sind dazu verpflichtet, ihren Versicherten per Wahltarif eine "hausarztzentrierte Versorgung" (HZV) anzubieten. Diese schon von Röslers Vorgängerin Ulla Schmidt (SPD) eingeführte Regelung hat dem DHV als einzig relevanten Vertragspartner der Kassen eine Art Monopolstellung beschert. In zahlreichen "Hausarztverträgen" konnte er somit gegenüber den Krankenkassen einen Zuschlag auf das normale Arzthonorar durchsetzen. Dem entgegenstehen sollten Einsparungen der Kassen durch eine verbesserte ambulante Versorgung. Als Lotse soll der Hausarzt neben besseren Serviceleistungen für die Versicherten auch Doppeluntersuchungen vermeiden und die fachärztliche Behandlung koordinieren. Der tatsächliche Nutzen ist jedoch höchst umstritten. Nach Mitteilung der KKH haben Auswertungen aus Modellprojekten ergeben, dass sich weder der Gesundheitszustand der Versicherten verbessert noch finanzielle Einspareffekte zu erzielen sind. "Die Verträge in ihrer jetzigen Form kosten nur Geld und bringen weder den Versicherten noch den Krankenkassen etwas. Im Gegenteil: Sie bedeuteten einen immensen Bürokratieaufwand und jährliche Mehrkosten in der gesetzlichen Krankenversicherung von bis zu 1,5 Milliarden Euro", kritisiert KKH-Vorstandschef Ingo Kailuweit. Seiner Meinung nach dürften die Kassen nicht dazu gewzungen werden, derartige Verträge abzuschließen. Gegen die Vertragspflicht der Kassen sprach sich am Mittwoch in Berlin auch der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Gerd Billen, aus. Der Vize-Chef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, bekannte sich zwar zur Stärkung der hausärztlichen Versorgung, sprach sich aber ebenfalls für das Prinzip der Freiwilligkeit bei Verträgen aus. Im Vordergrund entsprechender Vereinbarungen müsse eine "messbare Verbesserung der Leistungsqualität" stehen. Höhere Honorare alleine führten noch nicht zu mehr Qualität.
Honorare der Mediziner auf Spitzenniveau
Insgesamt konnten sich die Mediziner in den vergangen zwei Jahren hoher Zuwachsraten bei ihren Honoraren erfreuen. In den ersten drei Quartalen 2009 lagen diese im Durchschnitt um 11,3 Prozent über dem Niveau des Vergleichszeitraums 2007. Dies berichtet das Handelsblatt. Auch gegenüber dem Vorjahr ergebe sich nach den vorliegenden Zahlen noch ein Plus von 6,1 Prozent. Die Bruttoeinkommen der Arbeitnehmer wuchsen laut Statistischem Bundesamt 2009 dagegen nur um 1,2 Prozent. Seit 2007 legten sie dem Bericht nach um rund fünf Prozent zu. Hintergrund dieser Entwicklung ist die ab 2008 schrittweise in Kraft gesetzte Honorarreform. Mit ihr sollten nicht nur Einkommensverbesserungen für Ärzte erzielt werden, sondern auch mehr Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Bundesländern. Die Zuwächse fallen daher regional sehr unterschiedlich aus. Spitzenreiter beim Zuwachs der Gesamthonorare für Mediziner ist mit 25,4 Prozent Hamburg. Um mehr als 20 Prozent wuchsen auch die Honorare der zuvor eher schlecht bezahlten Ärzte in Thüringen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin. Einen geringeren Zuwachs erzielten dagegen die vor der Reform vergleichsweise gut honorierten Ärzte in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern. Sie mussten sich mit einem Plus von 9,9, 4,1 und 3,5 Prozent begnügen. Nach einer Prognose des GKV-Spitzenverbandes hat sich die Einkommenssituation der Mediziner seit 2007 insgesamt deutlich verbessert. Das durchschnittliche Gesamteinkommen der Mediziner habe sich von 142.000 in 2007 bis zum Jahresende auf 164.000 Euro erhöht. Honorare für die Behandlung von Privatpatienten seien darin noch nicht enthalten.
CDU: Sparbeitrag der Hausärzte vertretbar
Wenig Verständnis für die Position der Hausärzte zeigte deshalb auch die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit Annette Widmann-Mauz (CDU). Angesichts von Honorarsteigerungen für Ärzte von im Schnitt elf Prozent sei es vertretbar und verantwortbar, dass alle Beteiligten im Gesundheitswesen in die Verantwortung genommen werden. Niemandem werde dabei etwas weggenommen, sagte die Gesundheitsexpertin am Mittwoch in Berlin, schon gar nicht dem Hausarzt. Lediglich künftige Honorarzuwächse sollten begrenzt werden. Dies sei gerechtfertigt in einer Zeit, in der auch von den Leistungserbringern insgesamt sowie Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Steuerzahlern ein finanzieller Beitrag verlangt wird. Links zum Thema: Schwarz-gelbe Gesundheitsreform - höhere Beiträge ab 2011 Änderungen bei Hausarztverträgen immer wahrscheinlicher Datenschützer: Hausarztzentrierte Versorgung sofort stoppen Hausarztverträge: Ärzte starten Infokampagne gegen Kassen Hausarzttarife: Vertragszwang führt zu 1.800 Schiedsverfahren

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