
Einigung im Honorarstreit - Ärzte erhalten 2,5 Milliarden Euro mehr Für die ambulante ärztliche Versorgung werden gesetzlich versicherte Beitragszahler ab 2009 mindestens 2,5 Milliarden Euro mehr aufbringen müssen. Dies sieht das Ergebnis der Schlichtung zwischen Ärzten und Kassen vor. Deutschlands niedergelassenen Kassenärzte erhalten ab 2009 insgesamt mindestens 2,5 Milliarden Euro mehr Honorar. Mit diesem Ergebnis endeten am Donnerstag Abend die zweitägigen Schlichtungsverhandlungen zwischen dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Das Honorarplus entspricht einer Steigerung von rund 10 Prozent und war den Ärzten bereits im Vorfeld der Verhandlungen durch führende Politiker in Aussicht gestellt worden. Das Schlichtungsverfahren unter Vorsitz des Duisburger Gesundheitsökonomen Prof. Dr. Jürgen Wasem wurde notwendig, weil die Krankenkassen eine entsprechende Anhebung der Honorare abgelehnt hatten (vgl. "Links zum Thema").
Kassen bedauern Mehrbelastung für Mitglieder
Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, äußerte sich als Verhandlungsführer der Krankenkassen in einer ersten Reaktion enttäuscht: "Diese massive Honorarerhöhung werden leider alle Versicherten deutlich in ihren Portemonnaies spüren. Die Ärzte und der Schlichter haben sich gegen die Stimmen der Kassen geeinigt. Das Ergebnis führt zu einer Gesamtbelastung von mindestens 2,5 Milliarden Euro. Weil in dem entscheidenden Beschlussgremium, dem Erweiterten Bewertungsausschuss, mit einfacher Mehrheit entschieden werden kann, konnten die Kassen diese neuen Belastungen der Beitragszahler nicht verhindern". Versicherte und Arbeitgeber wird der Abschluss rund 0,25 Beitragssatzpunkte zusätzlich kosten. Zusammen mit anderen Kostenzuwächsen werde der Beitragssatz im kommenden Jahr damit von derzeit durchschnittlich 14,92 Prozent auf über 15,5 Prozent steigen, prognostizierten die Kassen schon im Juli (vgl. "Links zum Thema").
Rechnerisch gut 17.000 Euro mehr pro Arzt
Rechnerisch bedeutet das erzielte Verhandlungsergebnis für jeden der rund 145.000 niedergelassenen Ärzte eine durchschnittliche Honorarsteigerung von gut 17.000 Euro pro Jahr. Nahezu euphorisch lobte Dr. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der KBV, das Verhandlungsergebnis: "Das ist die höchste Steigerung der Gesamtvergütung seit Bestehen der ärztlichen Selbstverwaltung". Mit dem Ergebnis sei zudem eine der wichtigsten Hürden hin zu einer leistungsgerechten Vergütung in Euro und Cent nach 20 Jahren des Einfrierens ärztlicher Honorare genommen. "Kopfpauschalen und Honorarbudgets sind nach zwei Jahrzehnten abgeschafft", so Köhler. Die Kernforderungen der KBV sah der KBV-Chef weitgehend erfüllt. "Die Trennung der Honoraranteile für Haus- und Fachärzte kann beibehalten werden. Zugleich werden die Ärzte und Psychotherapeuten in den alten Bundesländern keine Honorarverluste erleiden. Für die neuen Bundesländer ergibt sich eine Angleichung der gezahlten Vergütung je Versicherten auf durchschnittlich 94 Prozent des Westniveaus." Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verdient ein in Deutschland niedergelassener Arzt nach Abzug der Praxiskosten durchschnittlich rund 120.000 Euro pro Jahr.
Lauterbach: Honorarplus sogar 20 Prozent
"Wir werden große Schwierigkeiten haben, das zu finanzieren", erklärte der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Karl Lauterbach zum Ergebnis des Schlichtungsverfahrens. Statt des "Honorarzuwachses mit der Gießkanne" hätte er sich "eine Honorarreform gewünscht, bei der bessere Qualität besser bezahlt wird", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Die jetzt erzielte Erhöhung bedeute für die Ärzte faktisch einen Einkommenszuwachs von 20 Prozent, erläuterte Lauterbach weiter. Von den Honoraren gingen normalerweise 50 Prozent für Kosten ab. Da die Kosten der Praxen jedoch nicht stiegen, falle die Honorarsteigerung vollständig zugunsten der Ärzteeinkommen aus. "Das sind spektakuläre Zugewinne, die keine andere Berufsgruppe erzielt", kritisierte Lauterbach.
Gesundheitsministerium begrüßt Abschluss
Rückendeckung erhielten die Ärzte vom Bundesgesundheitsministerium (BMG). "Mit dem heutigen Votum kommt die Gesundheitsreform der Bundesregierung ein weiteres großes Stück voran", sagte ein Sprecher in Berlin. Bislang werden ärztliche Leistungen nach einem Punktesystem bewertet. Da zugleich die Höhe des Entgelts begrenzt war, sank der Punktwert mit der Menge aller abgerechneter Punkte. Die Ärzte wussten nicht, wie viel Geld sie bei der Abrechnung tatsächlich für ihre Leistung bekamen. Das soll sich mit der Honorarreform ab 2009 ändern. Dafür war dieser Abschluss eine Voraussetzung. Hätten sich Ärzte und Kassen nicht geeinigt, hätte das BMG mittels "Ersatzvornahme" entschieden. Im vergangenen Jahr hatten die Kassen laut BMG rund 23,1 Milliarden Euro an die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVn) überwiesen. Hinzu kamen 4,3 Milliarden Euro für Impfungen und andere Sonderleistungen, so dass sich die Summe laut GKV-Spitzenverband letztlich auf 27,4 Milliarden Euro belief. Links zum Thema: Streit um Ärztehonorare: Kassen kritisieren politischen Eingriff Ärzte fordern Plus von 2,5 Milliarden Euro - sonst droht Streik Kassen befürchten Rekordwert für "einheitlichen Beitragssatz" stern.de: Kassenärzte verbuchten deutlich mehr Einnahmen

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