GKV-Finanzentwicklung im 1. Halbjahr 2026

Beitragssätze der Kassen trotz Überschuss unter Druck

07.09.2026·Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen sind in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres mit rund 7,1 Prozent deutlich stärker gestiegen als die Beitragseinnahmen mit rund 4,1 Prozent. Die Beitragssätze der Krankenkassen stehen damit trotz eines Überschusses im 1. Halbjahr und dem beschlossenen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) weiter unter Druck.

Den Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen in Höhe von 188,9 Milliarden Euro standen im 1. Halbjahr 2026 Ausgaben in Höhe von 186,3 Milliarden Euro gegenüber. Damit haben die insgesamt 93 Kassen einen Überschuss in Höhe von 2,6 Milliarden Euro erzielt. Dieser Überschuss, so das Bundesgesundheitsministerium (BMG), sei das Ergebnis der Beitragssatzanhebungen zum Jahresbeginn und diene vorrangig der Auffüllung der Finanzreserven auf das gesetzliche Mindestniveau. Dies sei zum 30.06.2026 mit rund 7,5 Milliarden Euro bzw. gut 0,2 Monatsausgaben im Durchschnitt aller Kassen wieder erreicht. Trotzdem drohen für 2027 weitere Beitragssatzsteigerungen. Der Grund hierfür liegt in der Ausgabendynamik.

Beitragssätze der Kassen weiter unter Druck

Der durchschnittlich von den Krankenkassen erhobene Zusatzbeitragssatz betrug Ende Juni 3,13 Prozent. Er lag damit deutlich oberhalb des Ende Oktober 2025 für das Jahr 2026 vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) festgelegten durchschnittlichen Zusatzbeitragssatzes von 2,9 Prozent. Trotz einer teilweisen Entlastung beim Auffüllen der Rücklagen stehen die jetzt schon höher als vom BMG erwarteten Beitragssätze weiter unter Druck. Hintergrund ist die unterschiedlich verlaufende Entwicklung bei den Einnahmen und Ausgaben. Während die Ausgaben bei einer nahezu gleichbleibenden Anzahl von Versicherten um 7,1 Prozent stiegen, wuchsen die Einnahmen lediglich um 4,1 Prozent. Hierzu erklärt Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU): "Mitte Juli hat die Regierungskoalition im Bundestag daher das Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen, mit dem die finanzielle Situation der GKV ab dem kommenden Jahr ... stabilisiert werden soll. Kern der Reform ist, dass wir die Ausgaben wieder an die Einnahmen koppeln".

Ergebnis des Gesundheitsfonds

Der Gesundheitsfonds, der zum Stichtag 15.01.2026 über eine Liquiditätsreserve von rund 7,1 Milliarden Euro verfügte, verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von 5,9 Milliarden Euro. Der größere Teil dieses Defizits ist jedoch saisonüblich, so das BMG: So flößen die Ausgaben des Gesundheitsfonds als monatliche Zuweisungen in konstanter Höhe an die Krankenkassen, während die Einnahmen unterjährig erheblich schwankten und insbesondere im 4. Quartal aufgrund der Verbeitragung von Jahressonderzahlungen wie dem Weihnachtsgeld höher ausfielen.

Entwicklungen bei den Ausgaben

Auch innerhalb der Ausgaben der Krankenkassen zeigen sich deutliche Unterschiede. Während die Ausgaben für Leistungen um 7,4 Prozent (Vorjahr: +7,7 Prozent) wuchsen, stagnierten die Verwaltungskosten der Krankenkassen nahezu auf dem Vorjahresniveau (+0,6 Prozent). In absoluten Zahlen stiegen die Leistungsausgaben der Krankenkassen im 1. Halbjahr um 12,2 Milliarden Euro, und die Verwaltungskosten blieben weitestgehend unverändert. Haupttreiber der dynamischen Ausgabenentwicklung ist erneut der Krankenhausbereich. Etwas moderater fiel die Steigerung bei ambulant-ärztlichen Behandlungen aus:

Stationäre Behandlung
Die Ausgaben für Krankenhausbehandlungen sind im 1. Halbjahr um 9,3 Prozent bzw. 5,1 Milliarden Euro gestiegen. Der prozentuale Zuwachs liegt mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt der jährlichen Zuwächse im Zeitraum 2013-2024 und nochmals leicht über der Dynamik im bisherigen Rekordjahr 2025. Hierbei, so das BMG, sei jedoch zu beachten, dass die Krankenhäuser im Zeitraum von November 2025 bis Oktober 2026 von Rechnungszuschlägen zur Finanzierung der Soforttransformationskosten in Höhe von 3,25 Prozent des Rechnungsbetrags profitierten. Zum Ausgleich der entstehenden Kosten stellt der Bund dem Gesundheitsfonds insgesamt 4 Milliarden Euro in Form zusätzlicher Bundesmittel bereit.

Arzneimittel
Die Aufwendungen für die Versorgung mit Arzneimitteln stiegen um 5,1 Prozent bzw. 1,5 Milliarden Euro und damit etwas stärker als im Gesamtjahr 2025 (+5,7 Prozent). Auch in diesem Bereich liegt die Ausgabendynamik deutlich oberhalb der Zuwächse bei den beitragspflichtigen Einnahmen. Innerhalb der Arzneimittel verzeichnen die Aufwendungen für Arzneimittel im Rahmen der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung deutlich überdurchschnittliche Zuwächse (26,7 Prozent bzw. 462 Millionen Euro).

Ambulante Behandlung
Die Ausgaben für ambulant-ärztliche Behandlungen wuchsen mit +6,0 Prozent bzw. +1,63 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2026 etwas weniger stark als in den vergangenen zwei Jahren. Gleichzeitig liegt die beobachtete Dynamik jedoch deutlich oberhalb des langjährigen Schnittes sowie oberhalb der Zuwächse bei den beitragspflichtigen Einnahmen. Für die weiterhin hohe Rate sind neben dem Anstieg des bundeseinheitlichen Orientierungspunktwerts um 2,80 Prozent und den Vergütungen und Zuschlägen für Vermittlungsfälle (sog. TSVG-Konstellationen) auch Sondervergütungen (z. B. für die Befüllung der elektronischen Patientenakte / ePA) verantwortlich.

Medizinische Behandlungspflege
Wie bereits in der Vergangenheit weist der personalintensive Bereich der medizinischen Behandlungspflege erneut ein stark überdurchschnittliches Wachstum von 10,5 Prozent (bzw. 0,6 Milliarden Euro) auf. Bereits seit 2013 ist dieser Bereich in jedem Jahr stärker als die GKV-Gesamtausgaben sowie stärker als die beitragspflichtigen Einnahmen gewachsen.

Heilmittel
Mit Ausnahme der Jahre 2017 und 2020 gilt dies auch für den Bereich Heilmittel, der im 1. Halbjahr 2026 weiterhin ein weit überdurchschnittliches Wachstum von 9,9 Prozent bzw. 709 Mio. Euro verzeichnet. Hierbei steigen insbesondere die Aufwendungen für die Heilmittelversorgung mit erweiterter Versorgungsverantwortung der Heilmittelerbringer (sog. "Blankoverordnung") in der Ergotherapie und Physiotherapie kräftig um 443 Millionen Euro, wenngleich zu beachten ist, dass ein Teil des Aufwuchses in diesem Teilbereich eine Verlagerung aus der bisherigen Heilmittelversorgung in diese neue Versorgungsform darstellt.

Vorsorge- und Rehabilitation
Die Ausgaben für Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen, die nach den pandemiebedingten Einbrüchen des Jahres 2020 im Schnitt um rund 10,4 Prozent pro Jahr wuchsen, entwickelten sich mit einer Steigerung von 5,9 Prozent bzw. 153 Millionen Euro weniger dynamisch als noch im 1. Quartal 2026 (+9,0 Prozent). Gleichzeitig liegt auch dieses Wachstum deutlich oberhalb der Zuwächse bei den beitragspflichtigen Einnahmen, sodass der Bereich auch weiterhin zum Aufwuchs der strukturellen Deckungslücke beiträgt.

Fahrkosten
Auch die Aufwendungen für Fahrkosten verzeichnen mit 8,1 Prozent (420 Millionen Euro) eine hohe Wachstumsrate. Innerhalb des Bereichs weisen vor allem die Aufwendungen für Fahrten mit Notarztwagen (11,7 Prozent bzw. 95 Millionen Euro) hohe Zuwächse auf.

Auch die meisten anderen größeren Ausgabenbereiche wie Schutzimpfungen (8,5 Prozent bzw. 143 Millionen Euro), Krankengeld (7,4 Prozent bzw. 798 Millionen Euro), zahnärztliche Behandlungen ohne Zahnersatz (5,9 Prozent bzw. 438 Millionen Euro) und Hilfsmittel (4,4 Prozent bzw. 268 Millionen Euro) weisen Zuwachsraten auf, die oberhalb der Zuwächse bei den beitragspflichtigen Einnahmen liegen. Damit liegt die Ausgabendynamik in der Breite der GKV-Ausgabenbereiche seit einigen Jahren weit oberhalb dessen, was durch die gesamtwirtschaftlichen Lohnzuwächse bei Löhnen, Gehältern und Renten der GKV-Mitglieder erwirtschaftet werden kann.

Bei der Interpretation der Daten des 1. Halbjahres ist grundsätzlich zu berücksichtigen, dass die Ausgaben in vielen Leistungsbereichen, insbesondere bei Ärzten und Zahnärzten, von Schätzungen geprägt sind, da Abrechnungsdaten häufig noch nicht oder nur teilweise vorliegen.

Verwaltungskosten der Krankenkassen

Die Verwaltungskosten der Krankenkassen entwickeln sich sowohl im Teilbereich der sächlichen Verwaltungskosten (-2,2 Prozent bzw. - 57 Millionen Euro) als auch der persönlichen Verwaltungskosten (3,8 Prozent bzw. 216 Millionen Euro) wesentlich moderater als die Leistungsausgaben. Hierbei ist zu beachten, dass die Ausgaben der Krankenkassen im Bereich der sächlichen Verwaltungskosten in diesem Jahr durch das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege begrenzt werden.


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