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Kassenfusionen geplant

Warum Linnemann nur noch 20 Krankenkassen will

28.08.2026·In mehreren Interviews hat Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) erklärt, dass er eine Reduzierung der Krankenkassenzahl für sinnvoll hält. Als Zielgröße nennt der Minister 10 bis 20 Kassen. Milliardenschwere Verwaltungskosten könnten auf diese Weise reduziert werden. Linnemann stellt sich damit gegen die Fachwelt, lässt gegenteilige Aussagen der FinanzKommission Gesundheit unberücksichtigt und bleibt dabei eigene Fakten schuldig. Was steckt dahinter?

Angesichts milliardenschwerer Defizite und der aktuellen Notwendigkeit zu grundlegenden strukturellen Reformen im Gesundheitswesen scheint die Frage nach der Anzahl der Krankenkassen eher nebensächlich. Dennoch: Gegenüber der Bild am Sonntag bestätigte Linnemann zuletzt, dass er auch als neuer Gesundheitsminister bei seiner Forderung bleiben wolle, die Zahl der Krankenkassen auf maximal 20 zu reduzieren: "Ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe. Davon nehme ich nichts zurück. Und jetzt bin ich Bundesgesundheitsminister und jetzt habe ich Ende des Jahres eine Kommission, die einen Endbericht vorlegt."

Gemeint ist die von der Bundesregierung eingesetzte FinanzKommission Gesundheit (FKG). Sie hat sich jedoch bereits mit dem Thema befasst und hierzu Ende März 2026 Folgendes in ihrem Bericht resümiert: "Empirisch zeigt sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Größe einer Krankenkasse und ihren Verwaltungsausgaben je Versicherten. Es gibt kleinere und größere Krankenkassen mit deutlich unter- beziehungsweise überdurchschnittlichen Verwaltungsausgaben."

Fehler aus Österreich nicht wiederholen

Im Gegenteil: Für die geforderte Fusionierung ... , heißt es im Bericht der FKG, biete sich ein Blick nach Österreich an. "Hier wurden die zuvor neun Gebietskrankenkassen im Jahr 2020 zu einer Österreichischen Gesundheitskasse fusioniert. Eine Analyse des Linzer Instituts für Gesundheitssystem-Forschung hat ergeben, dass hierdurch keine Kostenvorteile festgestellt werden konnten. Die Österreichische Gesundheitskasse weist eine Steigerungsrate der Verwaltungsausgaben für die Jahre 2020 bis 2024 von 39 Prozent aus; bereinigt um
gesunkene Erstattungen ergeben sich 25 Prozent. Die Verwaltungsausgaben der GKV sind im gleichen Zeitraum um lediglich 7 Prozent gestiegen."

Prozessoptimierungen statt Zwangsfusionen

Einsparungen, so die FKG, "konnten in der Vergangenheit beispielsweise durch die Digitalisierung von Prozessen realisiert werden. Dies zeigt unter anderen die Entwicklung der sogenannten Betreuungsquoten: Im Jahr 2004 hat ein Mitarbeiter im Schnitt 487 Versicherte betreut, im Jahr 2024 waren es durchschnittlich bereits 563 Versicherte, was einer Steigerung um 16 Prozent entspricht. Anreize zur Reduzierung von Verwaltungsausgaben bestehen vor allem durch einen starken Preiswettbewerb über kassenindividuelle Zusatzbeitragssätze."

Im Vordergrund sollte also der Erhalt eines funktionierenden Wettbewerbs zwischen den Krankenkassen stehen. Mit der gesetzlich geregelten Aufgabengleichheit eine Zusammenlegung der Kassen zu begründen, geht an den realen Problemen vorbei. Über wenige Großkassen könnte der Wettbewerb mittelfristig zumindest stark eingeschränkt werden. Anreize für wirtschaftliches oder kundenorientiertes Handeln bestünden dann kaum noch. Neben den faktischen Gründen gegen Linnemanns Plan, ist auch dessen Zeitpunkt schlecht gewählt.

Schon durch das GKV-Sparpaket (GKV-BStabG) seiner Amtsvorgängerin Nina Warken (CDU) erhalten die Krankenkassen neue, verwaltungsaufwendige Aufgaben. Beispiele hierfür sind die Einführung von Beiträgen für Familienversicherte oder die Berücksichtigung von Teil-Arbeitsunfähigkeiten mit Teil-Krankengeld. Der IT- und Verwaltungsaufwand steigt, während gleichzeitig über den Beitragssatz der Druck auf Prozessoptimierungen zunimmt. Verwaltungsaufwändige Zwangsfusionen ohne reales Einsparpotenzial würden diese Prozesserweiterungen wahrscheinlich eher behindern als fördern.

Vehementer Widerspruch aus der Fachwelt

Widerspruch kommt auch aus der GKV selbst. Gegenüber der WELT sagte Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK-Dachverbandes: "Krankenkassenfusionen in dem von Carsten Linnemann geforderten Maßstab kosten zunächst einmal sehr viel Geld. Es müssten neue IT-Systeme, Prozesse und Verträge aufgesetzt werden. Die Umstellung würde Jahre dauern. Und wer denkt, dass man bei Fusionen einfach die Belegschaften konsolidieren kann, um Personalkosten zu sparen, irrt sich gewaltig". So heißt es auch aus dem GKV-Spitzenverband in Berlin: "Staatliche Zwangsfusionen von gesetzlichen Krankenkassen wären ökonomisch Quatsch, denn heute haben wir einen funktionierenden Wettbewerb zwischen den Krankenkassen, der im Ergebnis zu sehr niedrigen Verwaltungskosten geführt hat."

Fusionsdebatte führt am Hauptproblem vorbei

Als eines der Hauptprobleme der GKV kann die indirekte Entnahme von Beitragsgeldern durch den Staat bezeichnet werden. Jahr für Jahr entnimmt der Staat mangels eigener Leistungsfähigkeit bis zu 60 Milliarden Euro für "versicherungsfremde Leistungen" aus der Beitragskasse der GKV (vgl. "Links zum Thema"). Die Krankenkassen werden dabei zu Leistungen verpflichtet, die der staatlichen Daseinsvorsorge und damit der Finanzierung aus Steuermitteln zuzuordnen sind. Ein Beispiel hierfür sind die Kassenbeiträge für Bezieher von Grundsicherungsgeld (vormals Bürgergeld). Rund 12 Milliarden Euro bleibt der Staat den Krankenkassen jährlich schuldig, um die Kosten zu decken. Entsprechende Klagen seitens der Krankenkassen laufen bereits (vgl. "Links zum Thema"). Der Staat plündert damit die Beitragskassen und fordert auf der anderen Seite die Fusion der Kassen, um vermeintlich Verwaltungskosten zu sparen. Würden die entnommenen Beiträge aus Steuergeldern finanziert, würden hierbei auch Einkünfte herangezogen, die innerhalb der GKV weitgehend beitragsfrei sind (z. B. Kapital- und Mieteinnahmen). Die Finanzierung würde damit gerechter und die Lohnnebenkosten würden sinken. Die Verantwortung für eine transparente Finanzierung der eingegangenen Verbindlichkeiten bleibt die Regierung jedoch weiter schuldig. Der politische Versuch, dabei den Blick vereinfacht auf die Verwaltungskosten der Kassen zu lenken, ist unlauter.

Hinzu kommt eine verfehlte Gesundheitspolitik. Seit Jahren wünscht sich die Politik einen Wettbewerb der Krankenkassen um die Versorgungsqualität und nicht primär um die Beitragssätze. Den gesetzlichen Rahmen hierzu bleibt sie bis heute schuldig. Und auch der neue Gesundheitsminister denkt lieber über eine Reduzierung des Wettbewerbs durch Zwangsfusionen ohne erkennbaren Nutzen nach.

Fusionen zwischen Krankenkassen entstehen aus verschiedenen Gründen. Alle haben jedoch mit Marktmechanismen zu tun, die von den beteiligten Kassen gleich eingeschätzt werden. Ein Eingriff des Staates mit politisch gewollten Zielgrößen würde dieses Gleichgewicht stören und ist zudem unnötig. Seit 1996 hat sich die Zahl der Krankenkassen über freiwillige Zusammenschlüsse von knapp 2.000 auf aktuell 93 reduziert. Weitere 6 Kassen werden nach aktueller Informationslage wahrscheinlich bis Mitte 2027 über Fusionen wegfallen:


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Dies ist ein Ausdruck aus www.krankenkassen-direkt.de
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© 2000-2026 Redaktion kkdirekt; alle Rechte vorbehalten, alle Angaben ohne Gewähr.

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