Schattenhaushalte des Bundes
Warum die Regierung ihre Gesundheitspolitik auch künftig nicht erklären kann
21.09.2026·Nach den Stimmverlusten bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin stehen die Regierungsparteien auf Bundesebene und insbesondere die CDU mit dem Rücken zur Wand. Dennoch fühlen sich SPD und CDU/CSU vom Bürger nur falsch verstanden. Die aktuelle Politik und die anstehenden Reformen besser und empathischer erklären zu wollen, wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) es sich immer wieder vornimmt, geht jedoch am eigentlichen Problem vorbei.
"Bundeszuschuss" wird als Subvention beschrieben
Anders als der Name es vermuten lässt, "schießt" der Bund der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit dem "Bundeszuschuss" kein Geld hinzu, sondern zahlt einen relativ kleinen "Zuschuss" zu den Ausgaben, die eigentlich vollständig aus Steuermitteln finanziert werden müssten. Er beauftragt die Sozialversicherung mit gesamtgesellschaftlichen Aufgaben wie z. B. der Versorgung von Grundsicherungsgeldempfängern, erstattet die Kosten dann aber nur teilweise in Form eines Zuschusses. Alleine durch die Unterdeckung der Zahlungen des Bundes im Bereich der Grundsicherung bleibt er der GKV Jahr für Jahr ca. 12 Milliarden Euro schuldig. Diesen Fehlbetrag zahlen die Beitragspflichtigen der GKV stellvertretend für alle Steuerpflichtigen in Deutschland alleine. Insgesamt, so eine Studie, betrug das Volumen für diese indirekten Entnahmen des Staates schon 2023 rund 60 Milliarden Euro pro Jahr. Statt diese Ausgaben transparent zu machen und adäquat zu erstatten, wird der Bundeszuschuss ab 2027 sogar noch um 2 Milliarden Euro auf 12,5 Milliarden Euro gekürzt. Schon dies erscheint in hohem Maße ungerecht für die Beitragszahler. Hinzu kommt die fehlende Aussicht auf eine Änderung. Solange der Bundeskanzler den Bundeszuschuss als Subvention des Staates an die GKV versteht und beschreibt, wie am 03.05.2026 im Interview mit Caren Miosga in der ARD (vgl. "Links zum Thema"), wird das Unverständnis des Kanzlers über die tatsächliche Sachlage deutlich und die Ungerechtigkeit manifestiert.
Leistungskürzungen statt politischer Verantwortung
Statt der eigenen Finanzverantwortung nachzukommen, geht die Regierung mit ihrer aktuellen Reform den Weg der Beitragserhöhungen und Leistungskürzungen für Versicherte. Die Beitragsbemessungsgrenze wird außerordentlich angehoben, die bisher beitragsfreie Familienversicherung wird in Teilen beitragspflichtig, Zuzahlungen werden erhöht, Zuschüsse zum Zahnersatz werden reduziert und Homöopathie wird gestrichen. Während sich der Bund also einen schlanken Fuß macht, werden Versicherte und Arbeitgeber weiter belastet.
Unehrlich und eher wie eine Neiddebatte mutet vor diesem Hintergrund die Forderung von Mitgliedern der Bundesregierung an, die Beitragspflicht in der GKV auf weitere Einkunftsarten auszuweiten. Mit einer Abgabe auf Zinseinnahmen, Dividenden und Mieteinnahmen möchte vor allem die SPD die Beitragseinnahmen weiter erhöhen. Dies beschloss der SPD-Parteivorstand im Februar 2026 in einem Sozialstaatspapier zum Grundsatzprogramm der Partei. Dem Vorstand gehören auch die Regierungsmitglieder Bärbel Bas und Lars Klingbeil sowie der SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf an. Hier soll auf bürokratieintensive Art nochmals erfunden werden, was im Steuersystem lange Realität ist. Würde der Staat seine Schulden bei der GKV ordnungspolitisch richtig aus Steuermitteln bezahlen, würden die von der SPD geforderten "zusätzlichen" Einkunftsarten automatisch und ohne zusätzliche Bürokratie in die Finanzierung der GKV-Ausgaben für versicherungsfremde Leistungen einfließen.
Auch bei spezifischen Fragen zu aktuellen Reformen hinterlassen Äußerungen von Bundesfinanzminister und Vizekanzler Klingbeil einen faden Nachgeschmack der Unaufrichtigkeit. Im April 2026 bezeichnete er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) die Verschiebung der Beitragsfinanzierung für Grundsicherungsgeldbeziehende (damals: Bürgergeldbeziehende) aus der GKV in den Bundeshaushalt als "Milchmädchenrechnung" (vgl. "Links zum Thema"). Es bringe nichts, Lücken von A nach B zu schieben, so der Finanzminister. Damit unterschlug Klingbeil gleich zwei wichtige Unterschiede. Zum einen würden bei der Finanzierung über den Bundeshaushalt alle steuerpflichtigen Einkünfte berücksichtigt, bei der GKV nicht. Zum anderen würden nicht einseitig die Beitragszahler für Verbindlichkeiten aller Bürger herangezogen. Klingbeils Versuch, die systemwidrige, milliardenschwere Lastenverschiebung vom Staat auf die GKV zu verschleiern, ist offensichtlich.
Nur eine ehrliche Politik kann glaubhaft "erklärt" werden
Um Akzeptanz für ihre Politik zu erhalten, müsste die Regierung sich also zunächst einmal ehrlich machen. Sie müsste kommunizieren, wie die bestehenden Ungerechtigkeiten aufgelöst werden können. Nur so würde Vertrauen entstehen. Aktuell jedoch verweigern sich vor allem die Parteispitzen der Realität. Die Sozialversicherung wird weiter als Schattenhaushalt der Regierung genutzt und für Aufgaben geplündert, die aus Steuermitteln zu finanzieren wären. Gleiches gilt auch für die Pflegeversicherung. Eine vom Bund während der Corona-Pandemie getätigte Entnahme von über 5 Milliarden Euro Beitragsgeldern steht auch 2026 noch zur Rückzahlung aus. Auch für 2027 ist diese erneut nicht geplant. Es ist die Summe an Ungerechtigkeiten, die mit öffentlich diskutierten Einzelmaßnahmen wie der geplanten Streichung der "Rente ab 63" (Rente für besonders langjährig Versicherte) für viele das Fass zum Überlaufen bringt. Die Regierung ist auf eine eigennützige Art unehrlich, was die plausible und "empathische Erklärung" ihrer Politik für Kanzler Merz unmöglich macht. Sie müsste geändert statt erklärt werden. Hierzu ist die Regierung insgesamt offenbar nicht in der Lage.
Beitragssatz in der GKV könnte bei 14,78 Prozent liegen
Würden der GKV die vom Staat veranlassten gesamtgesellschaftlichen und damit versicherungsfremden Leistungen von rund 60 Milliarden Euro pro Jahr ersetzt, hätte dies erhebliche Auswirkungen auf die Beitragssätze der Krankenkassen und damit auf die Lohnnebenkosten in Deutschland. Bei Gesamtausgaben der GKV von rund 360 Milliarden Euro im Jahr und einem durchschnittlichen Beitragssatz der Kassen von aktuell (allgemeiner Beitragssatz: 14,6 + Zusatzbeitragssatz: 3,13 =) 17,73 Prozent könnte der Gesamtbeitragssatz rechnerisch im Mittel auf etwa 14,78 Prozent gesenkt werden. Die Ersparnis von rund 3 Prozentpunkten wäre eine Konjunkturspritze, die über mehr Beschäftigung höhere Beitragseinnahmen mit sich brächte. Damit bliebe ausreichend Zeit, um notwendige strukturelle Reformen in der GKV vorzubereiten und umzusetzen.
- Milliarden für den Staat / Bundeskanzler Merz zur ungerechten Belastung der GKV-Beitragszahler im Interview mit Caren Miosga
- Neue Gesundheitsabgabe geplant / SPD fordert Sozialversicherungsbeiträge auf Kapitalerträge und Mieten
- 12 Milliarden für Bürgergeldbeziehende / Krankenkassen und Patientenvertreter werfen Regierung "klar rechtswidrige" Finanzierung und "staatliche Ignoranz" vor (inkl. Klingbeils "Milchmädchenrechnung")
- SPD-Forderung wird umgesetzt / Gesundheitsreform: Entwurf sieht nun auch höhere Beiträge ab 2027 vor
- Eckpunkte zur Gesundheitsreform / Beitragszahler im Nachteil: Verteilung der Sparmaßnahmen mit deutlicher Unwucht
- Sozialverband kündigt Musterklagen an / Teilfinanzierung des Bundeshaushaltes aus Beitragsgeldern ist verfassungswidrig
- Abgehoben, sachfremd und unzulässig vereinfacht: (Ex-)Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) im Interview
- Rekordhoch bei Lohnnebenkosten / SPD will Krankenkassenbeiträge nochmals deutlich anheben
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