GeDIG: Die neue Freiheit der Datennutzung
Vom Rückspiegel zum dynamischen Navi: Ansatzpunkte für eine kassenindividuelle Portfoliosteuerung für digitale Gesundheitsangebote
15.07.2026·Krankenkassen erhalten weitreichende neue Befugnisse, Daten nicht mehr nur zu verwalten, sondern aktiv zur Erkennung von Gesundheitsrisiken und zur Konfiguration individueller Versorgungsangebote zu nutzen.
Doch erweiterte Datennutzungsbefugnisse und eine Vielzahl an wirksamen digitalen Gesundheitsangeboten allein garantieren noch keine bessere Versorgung und realisierbare Kosteneffekte. Entscheidend ist vielmehr, die passenden digitalen Angebote strategisch auszuwählen und anschließend diejenigen Versicherten zu erreichen, die von ihnen tatsächlich profitieren können.
Für das strategische Portfoliomanagement stellt sich zunächst die Frage, welche digitalen Gesundheitsangebote überhaupt priorisiert werden sollten. Klassische Steuerungsdaten liefern hierfür bereits wichtige Hinweise. Sie zeigen, bei welchen Erkrankungen hohe Leistungsausgaben entstehen oder viele Versicherte betroffen sind und wo digitale Angebote somit grundsätzlich einen hohen Versorgungshebel versprechen könnten.
Sie bleiben allerdings blind für Lebenswelt und Gesundheitsmentalität - und damit für die tatsächliche Aktivierbarkeit der Nutzer. Ein digitales Angebot kann aus Versorgungssicht hoch relevant sein und dennoch kaum Wirkung entfalten, wenn es von den Versicherten nicht angenommen wird. Für die Portfolioentscheidung wird daher eine zusätzliche Steuerungsdimension erforderlich: die Wahrscheinlichkeit, mit der Versicherte für ein digitales Angebot nachhaltig aktiviert werden können.
Ein erster Indikator für diese Aktivierbarkeit ist der geäußerte Wunsch der Versicherten nach digitaler Unterstützung ihrer Therapie. Betrachtet man diesen über verschiedene Erkrankungen hinweg, zeigen sich deutliche Unterschiede.
Es lassen sich drei Gruppen unterscheiden:
Gruppe 1: Hohe Ausprägung des Wunsches nach digitaler Unterstützung der Therapie
Zu dieser Gruppe gehören Erkrankungen wie
Charakteristische Unterstützungssituation: Die Belastung und damit der Leidensdruck bestehen häufig im Alltag und zwischen den Behandlungskontakten. Digitale Angebote können hier Orientierung und kontinuierliche Begleitung bieten und damit Versorgungslücken zwischen den persönlichen Kontakten schließen.
Gruppe 2: Mittlere Ausprägung des Wunsches nach digitaler Unterstützung der Therapie
Hier finden sich Erkrankungen wie
Charakteristische Unterstützungssituation: Die Erkrankungen erfordern häufig ein aktives Selbstmanagement der Betroffenen. Digitale Angebote können dabei Übungen, Verlaufsbeobachtung oder laufende Therapien ergänzen. Der Nutzen ist jedoch stärker von der individuellen Versorgungssituation abhängig, sodass nicht alle Betroffenen gleichermaßen einen Bedarf an digitaler Unterstützung sehen.
Gruppe 3: Geringe Ausprägung des Wunsches nach digitaler Unterstützung der Therapie
Diese Gruppe umfasst klassische Volkskrankheiten wie
Charakteristische Unterstützungssituation: Die Versorgung erfolgt häufig langfristig innerhalb etablierter medizinischer Behandlungsstrukturen. Zusätzliche digitale Unterstützung wird deshalb seltener aktiv nachgefragt, obwohl sie den Versorgungsalltag sinnvoll ergänzen könnte. Hier besteht die Herausforderung darin, den konkreten Nutzen digitaler Angebote für geeignete Zielgruppen sichtbar zu machen.
Die beschriebenen Unterstützungssituationen unterscheiden sich jedoch nicht nur hinsichtlich des Versorgungsbedarfs. Sie beeinflussen zugleich, wie aussichtsreich Versicherte für die nachhaltige Nutzung digitaler Angebote gewonnen werden können. Der geäußerte Wunsch nach digitaler Unterstützung wird damit zu einem ersten Indikator für die Aktivierbarkeit einer Zielgruppe.
Warum der Faktor "Aktivierbarkeit" den Business Case für ein digitales Angebot realistischer macht
Die Wirtschaftlichkeit digitaler Gesundheitsangebote wird häufig auf Grundlage des theoretisch erreichbaren Versorgungseffekts bewertet. In der Praxis entscheidet jedoch nicht allein das medizinische oder ökonomische Potenzial über den Erfolg eines Angebots. Ob die erwarteten Effekte tatsächlich eintreten, hängt maßgeblich davon ab, ob Versicherte das Angebot überhaupt nutzen. Die Aktivierbarkeit der Zielgruppe wird damit zu einer eigenständigen Größe im Business Case.
Aktivierbarkeit als Kosten- und Risikofaktor: Erkrankungen mit einer geringen Aktivierbarkeit erfordern häufig zusätzliche Investitionen in Kommunikation, persönliche Ansprache oder die Einbindung in bestehende Versorgungsstrukturen. Diese Aktivierungskosten beeinflussen unmittelbar die Wirtschaftlichkeit eines Angebots. Werden sie im Business Case nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr, dass ein theoretisch wirksames digitales Angebot in der Praxis kaum genutzt wird und die erwarteten Versorgungs- und Kosteneffekte ausbleiben.
Matrix für die Steuerung
Für die strategische Portfoliosteuerung stellt sich damit die Frage, wie sich die beiden Steuerungsdimensionen - Versorgungs- bzw. Kostenrelevanz einerseits und Aktivierbarkeit andererseits - gemeinsam bewerten lassen. Hierfür bietet sich eine Portfolio-Matrix an, die beide Perspektiven systematisch zusammenführt und die Auswahl digitaler Gesundheitsangebote unterstützt.
Tabelle 1: Ausgewählte Krankheitskosten pro Fall (einige Beispiele)
Die nachfolgende Darstellung zeigt eine exemplarische Anwendung der Matrix auf Grundlage der in Tabelle 1 zusammengeführten Daten. Berücksichtigt wurden ausschließlich die dort dargestellten Erkrankungen sowie die zugehörigen Angaben aus den Befragungsdaten (Quelle: EHealth Insights 2026).
Die Matrix dient der Veranschaulichung des Vorgehens bei der strategischen Einordnung digitaler Gesundheitsangebote. Die Schwellenwerte wurden bewusst pragmatisch gewählt und dienen der strategischen Orientierung; sie sind nicht als allgemeingültige Grenzwerte zu verstehen.
Angebote mit Hebelpotenzial
In diesem Feld (in der beispielhaften Darstellung ohne Eintrag) finden sich Erkrankungen, bei denen die Betroffenen vergleichsweise häufig (> 30 %) den Wunsch nach digitaler Unterstützung ihrer Therapie geäußert haben. Zugleich handelt es sich um Erkrankungen, die hohe Kosten pro Krankheitsfall verursachen. Sie haben den größten ökonomischen Hebel in der Fallbetrachtung.
Angebote mit Skalierungspotenzial
Hier finden sich Erkrankungen, bei denen befragte Patienten in vergleichsweise hoher Anzahl den Wunsch nach digitaler Unterstützung ihrer Therapie geäußert haben, deren Krankheitskosten pro Fall jedoch moderat sind. Sie stärken die Versichertenbindung und die Neukundengewinnung.
Angebote mit Entwicklungspotenzialen
Dies ist das Feld mit digitalen Angeboten, die einen erwartbar hohen Kostenhebel haben, aber einen erhöhten Aktivierungs- und Kommunikationsbedarf aufweisen. Diese Angebote bieten die Möglichkeit zur weiteren Portfolioentwicklung.
Angebote mit Ergänzungspotenzial
In diesem Quadranten liegen digitale Angebote für Erkrankungen, bei denen weder ein drängender Nutzerwunsch noch ein hoher ökonomischer Hebel pro Fall erkennbar ist. Sie können je nach individueller Kassensituation das Portfolio ergänzen.
Fazit
Die Matrix veranschaulicht, dass digitale Gesundheitsangebote nur selten "Selbstläufer" sind. Gerade dort, wo der potenzielle Versorgungs- und Kostenhebel besonders groß ist, entscheidet die Aktivierung der Versicherten über den tatsächlichen Erfolg eines Angebots. Genau hier gewinnen die mit dem GeDIG vorgesehenen erweiterten Datennutzungsmöglichkeiten ihre strategische Bedeutung. Sie schaffen die Grundlage, Aktivierungsmaßnahmen nicht mehr breit und unspezifisch auszurichten, sondern zielgerichtet auf diejenigen Versicherten zu konzentrieren, bei denen digitale Angebote den größten Nutzen entfalten können.
Aus Nutzerdaten wird so ein Baustein einer datengetriebenen Portfoliosteuerung, dessen Aussichten auf eine aktive Nutzung im Versorgungsalltag erhöht wird.
Aus dem Rückspiegel wird so schrittweise ein Navi - nicht nur für das Versorgungsportfolio, sondern perspektivisch auch für den einzelnen Versicherten. Das GeDIG liefert dafür die rechtliche Grundlage.
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