AOK-Bundesverband GbR|07.12.2020

PRESSEMITTEILUNG

Einführung der ePA wird ein längerer Prozess

Berlin (kkdp)·Elektronische Patientenakte: AOK erwartet einen Marathon / ams-Interview mit Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes

Die AOK stellt sich bei der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) auf einen längeren Prozess ein. Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, nennt die ePA im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams) "ein zukunftsweisendes Projekt", warnt allerdings vor allzu großer Euphorie. Ein Grund seien unter anderem fehlende technische Voraussetzungen in den Arztpraxen. "Die Einführung der ePA wird im Laufe des Jahres 2021 und in den Jahren danach Schritt für Schritt erfolgen. Mit jeder Arztpraxis, die dazukommt, und jedem Versicherten, der die ePA aktiv nutzt, wird die Sache spannender", betont Litsch

Herr Litsch, die Einführung der elektronischen Patientenakte rückt näher - welche Erwartungen haben Sie zum Start?

Litsch: Die elektronische Patientenakte ist ein zukunftsweisendes Projekt, davon bin ich überzeugt. Sie wird die Vernetzung der verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen unterstützen und einen echten Nutzen für unsere Versicherten haben, wenn sie erst einmal flächendeckend eingesetzt und von den Ärzten befüllt wird. Wir werden zum 1. Januar 2021 allerdings die Situation haben, dass wir als Kassen unseren Versicherten über unsere AOK-App zwar den Zugang zu ihrer persönlichen elektronischen Patientenakte anbieten. Aber in den ersten Wochen und Monaten werden nur sehr wenige Ärzte in bestimmten Testregionen Daten in die ePA der Versicherten einspielen können. Denn die dafür erforderlichen PTV4-Konnektoren zur technischen Anbindung der Arztpraxen stehen noch gar nicht flächendeckend zur Verfügung. Dazu kommen weitere Herausforderungen wie die Einbindung der ePA in die Verwaltungssysteme der Arztpraxen und Krankenhäuser. Man muss sich also davor hüten, mit der Einführung der ePA zum 1. Januar den großen Durchbruch für die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu erwarten.

Dann werden zum Start der ePA erst einmal nur wenige Versicherte wirklich davon profitieren können?

Litsch: So ist es. Die Einführung der ePA wird im Laufe des Jahres 2021 und in den Jahren danach Schritt für Schritt erfolgen. Mit jeder Arztpraxis, die dazukommt, und jedem Versicherten, der die ePA aktiv nutzt, wird die Sache spannender. Auch viele interessante Anwendungen werden erst im Laufe der Zeit starten. Das Ganze ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wir sind bereit für diesen langen Lauf - und ich persönlich bin sehr froh, dass es jetzt überhaupt losgeht mit der ePA.

Wo liegen aus Ihrer Sicht - abgesehen von den technischen Hürden - die größten Herausforderungen?

Litsch: Bei diesem Thema ist gerade bei den niedergelassenen Ärzten und in den Krankenhäusern noch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten. Auf deren Akzeptanz kommt es ganz entscheidend an, damit die ePA zum Fliegen kommt. Da haben insbesondere die Kassenärztlichen Vereinigungen, aber auch die gematik noch viel zu tun. Wir werden unseren Versicherten zum 1. Januar die ePA-App der AOK anbieten, aber damit ist es natürlich nicht getan. Wir wollen die Information und Aufklärung der Versicherten über die ePA im Laufe des Jahres 2021 Schritt für Schritt intensivieren.

Wie bewerten Sie die Kritik des Bundesdatenschutzbeauftragten an der ePA?

Litsch: Die Vorgehen des Bundesbeauftragten für den Datenschutz führt die Krankenkassen in ein Dilemma: Auf der einen Seite sind sie unter Androhung von Strafzahlungen gezwungen, die von der gematik spezifizierte ePA einzuführen. Auf der anderen Seite drohen die Datenschützer mit Sanktionen, zu denen neben den bereits verschickten Warnschreiben auch Verwarnungen und Anweisungen an die Krankenkassen gehören könnten. Leidtragende dieser Sanktionen wären in beiden Fällen die Beitragszahler - obwohl weder sie, noch die zur Umsetzung verpflichteten Krankenkassen etwas zu dieser rechtlich verfahrenen Situation beigetragen haben. Der Streit um die ePA sollte zwischen den Aufsichtsbehörden und den politischen Verantwortlichen ausgetragen werden. Beitragszahler und Akteure im Gesundheitswesen dürfen zu Recht eine Normenklarheit erwarten. Die jetzige Vorgehensweise ist weder wirtschaftlich, noch fördert sie Vertrauen in die gerade auch jetzt in der Pandemie unbedingt erforderliche Digitalisierung. Und dieses Vertrauen brauchen wir ganz dringend, wenn die ePA ein Erfolg werden soll.

In Medienberichten hieß es, die AOK könne in ihrer ePA die Forderung des Bundesdatenschützers nach einem differenzierten Zugriffsmanagement für ihre Versicherten erfüllen. Ist da was dran?

Litsch: Diese Botschaft ist auf der Pressekonferenz des Bundesdatenschutzbeauftragten und einiger seiner Länderkollegen im August in die Welt gekommen, aber es handelt sich um ein Missverständnis. Die AOK-Gemeinschaft hat, wie alle anderen gesetzlichen Krankenkassen auch, keinen Spielraum hinsichtlich der Umsetzung der ePA-Funktionen. Wie die ePA zu programmieren ist, wird von der der gematik in ihren Spezifikationen festgelegt. Daran müssen wir uns halten. Abgesehen davon ist ein differenziertes Zugriffsmanagement aus unserer Sicht natürlich wichtig. Daher ist es gut, dass das in der zweiten Stufe der ePA ab Januar 2022 auch umgesetzt wird.

Inzwischen hat Minister Spahn ja schon das dritte Digitalisierungsgesetz vorgelegt. Unter anderem ist die Entwicklung eines "Zukunftskonnektors" für die Anbindung der Leistungserbringer vorgesehen. Was halten Sie davon?

Litsch: Der Gesetzgeber folgt mit dem Konzept des "Zukunftskonnektors" unserer langjährigen Forderung nach einem softwarebasierten Konnektor. Die Entwicklung eines solchen Konnektors ist aus unserer Sicht absolut sinnvoll und sollte so schnell wie möglich umgesetzt werden. Mit einer softwarebasierten Lösung können die hohen Kosten für den Hardware-Austausch in den Praxen und Kliniken vermieden und die Einsparungen für die Versorgung unserer Versicherten genutzt werden.

Wie stehen Sie von der Anbindung weiterer Leistungsbereiche an die Telematikinfrastruktur, die im Gesetzesentwurf vorgesehen ist?

Litsch: Die Anbindung weiterer Nutzer wie Pflegeeinrichtungen oder Physiotherapeuten an die Telematikinfrastruktur ist grundsätzlich sehr sinnvoll. Sie sollte aber erst erfolgen, wenn es einen zugelassenen Software-Konnektor gibt. Es sollte unbedingt vermieden werden, dass jetzt weitere Nutzergruppen auf Basis der bisherigen Hardware-Konnektoren angeschlossen werden und dann ein kurzfristiger Umstieg auf die Zukunftskonnektoren inklusive eines erneuten Austausches der Technik erfolgt. Denn die Kosten für die Ausstattung und den Betrieb der hardwarebasierten Konnektoren bei den bisher angeschlossenen Krankenhäusern, Ärzten und Zahnärzten belaufen sich in einem Austausch-Zyklus von fünf Jahren schon jetzt auf über 2 Milliarden Euro. Dieses Geld fließt Zahlungen nicht in die Versorgung der Versicherten, sondern wird weitestgehend an die Konnektor- und PVS-Hersteller weitergeleitet. Das ist nicht im Sinne der Beitragszahler.

Pressekontakt:

AOK-Bundesverband
Kai Behrens, Pressesprecher
Tel. 030 34646-2309
Mobil 0152 015 630 42
presse@bv.aok.de


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