Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) e.V.|07.10.2022

PRESSEMITTEILUNG

Lage auf den Intensivstationen: Anteilig weniger schwerkranke Patienten mit COVID-19, aber auch deutlich weniger Intensivbetten

Berlin (kkdp)·Der Herbst ist da! Die Zahl der Sars-Cov2-Infizierten steigt wieder deutlich an - und damit die Fragen in der Bevölkerung und Politik zur Einschätzung der Lage, wie auch zu möglichen Empfehlungen. Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) empfiehlt allen Mitarbeitenden im Gesundheitswesen sowie allen über 60-Jährigen, sich gegen Grippe impfen zu lassen, da die Infektion mit Influenza schwere COVID-19-Verläufe begünstigt. Ein Gespräch über die Ist-Situation und was Deutschlands Intensivmediziner in den nächsten Wochen erwarten.

Herr Prof. Marx, wie zeichnet sich die aktuelle Corona-Lage aus Sicht der Intensivmediziner derzeit ab?

Marx: "Ich möchte hier in erster Linie beruhigen: Wir Intensivmediziner sehen derzeit anteilig an den Covid-19-Erkrankten viel weniger Schwerkranke als vor einem Jahr. Auch haben wir Medikamente, wie Paxlovid, die wir bei Patienten mit einem Risiko für einen schweren Verlauf frühzeitig einsetzen können. Und wir wissen, dass wir mit Kortison bei einem schweren Verlauf gut behandeln können. Zudem sind viele Menschen durch drei oder vier Impfungen vor schweren Verläufen geschützt. Dazu kommt, dass mittlerweile auch vielen Patienten neben den Impfungen bereits eine Infektion mit SARS-CoV-2 durchgemacht und gut überstanden haben. Die Situation ist heute also eine andere als vor einem Jahr oder gar vor zwei Jahren. Stabiler. Beherrschbarer."

Wer liegt aktuell wegen Corona auf den Intensivstationen?

"Vor allem die Menschen, die nicht vollständig geimpft und über 60 Jahre alt sind und relevante Vorerkrankungen haben. Diese Menschen gehören zur vulnerablen Gruppe, haben also ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf - wie auch immunsupprimierte Menschen jedes Alters oder schwangere Frauen.
Zum Stichtag heute behandeln wir 1.366 Patienten mit COVID-19 auf den Intensivstationen. Die Zahlen sind in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen* und liegen auf dem exakt gleichen Niveau wie im letzten Jahr.
Allerdings hat sich das Bild auf den Stationen gegenüber 2021 deutlich verändert: Letzten Herbst lagen viel jüngere Patienten auf den Intensivstationen, die meisten zwischen 50 und 59 Jahren alt. Nur 38 Prozent der Patienten waren älter als 60 Jahre. Heute sind 81 Prozent unserer Patienten älter als 60 Jahre. Die meisten sind in ihren Siebzigern, also rund 20 Jahre älter als die Patienten im vergangenen Jahr."

Derzeit, so hat es das RKI vergangene Woche vermeldet, sind vor allem die mittleren Bevölkerungsgruppen mit Sars-Cov-2 infiziert...

"... Das war zum Start jeder Welle so: Erst erkranken die Jüngeren und wenige Patienten müssen auf den Intensivstationen behandelt werden. Dann aber haben sich die älteren und vulnerablen Bevölkerungsgruppen angesteckt, die wir dann vermehrt auf den Intensivstationen behandeln müssen. Zudem entwickeln sich schwere Verläufe erst einige Zeit nach der Ansteckung. Das heißt also auch, dass wir schwere Verläufe vermehrt erst in einigen Wochen wieder sehen werden. Allerdings beobachten wir bereits seit zwei Wochen, dass die Zahl der intensivpflichtigen Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen wieder zunimmt."

Sie betonen, dass weiterhin die COVID-19-Patienten auf der Intensivstation schwerkrank sind.

"Richtig. COVID-19 bleibt eine ernst zu nehmende Erkrankung. Deshalb schließt sich die DIVI auch uneingeschränkt den STIKO-Empfehlungen an: Unter 60 Jahren drei Covid-Impfungen. Über 60 Jahren vier Covid-Impfungen. Dann besteht ein signifikanter Schutz vor einem schweren Verlauf."

Was erwarten Sie also in den nächsten Wochen?

"Die Inzidenzen werden weiter steigen - wie auch in den vergangenen Wintern. Wir werden auch in den nächsten Wochen wieder mehr und mehr Patienten im Krankenhaus sehen, den Großteil der COVID-19-Patienten aber sehr wahrscheinlich auf den Normalstationen. Wir erwarten also anteilig viel weniger schwerkranke Patienten. Wie viele wir behandeln müssen, hängt natürlich wieder von der Zahl der infizierten Menschen in der Bevölkerung ab."

Wenn also eine neue Welle rollt, sind die Intensivmediziner vorbereitet?

"Die größte Sorge von uns Intensivmedizinern gilt, wie auch schon in diesem Sommer, den vielen Ausfällen von Mitarbeitenden durch COVID-19, die mit Symptomen nicht arbeiten können, sich aber auch ohne Symptome natürlich isolieren müssen. Ohne diese Mitarbeitende kann der reguläre Betrieb auf den Intensivstationen und auch in den Notaufnahmen wie Normalstationen nicht aufrechterhalten werden. Wir haben dann also wieder weniger betreibbare Betten, werden wieder OPs verschieben müssen."

Wie schätzen Sie die Situation für die Mitarbeitenden ein?

"Die Teams auf den Intensivstationen, wie auch alle Mitarbeitende im Gesundheitswesen, sind auch im dritten Corona-Winter sehr hoch belastet. Wir versuchen mit immer weniger Personal immer mehr Patienten zu versorgen."

Können Sie Maßnahmen empfehlen, um besser durch den Winter zu kommen?

"Der Impfung gegen Influenza bekommt unserer Meinung nach in diesem Winter eine besondere, eine wirklich wichtige Bedeutung. Jedes Virus für sich kann eine Welle mit vielen Kranken oder sogar Schwerkranken auslösen. Die Kombination aus Coronaviren und Grippeviren kann insgesamt schwere Verläufe begünstigen. Entsprechend ist die Grippeimpfung unbedingt für alle Menschen ab 60 Jahren zu empfehlen. Für Corona wie auch Influenza gilt: Je höher die Impfquote in der Bevölkerung, desto eher verhindern wir in den nächsten Monaten eine Welle von infizierten Patienten. Auch sollten sich alle Mitarbeitenden im Gesundheitswesen unbedingt gegen Grippe impfen lassen sowie natürlich einen vollständigen Impfschutz für COVID-19 mit vier Impfungen aufweisen, um nicht zusätzliche Erkrankungen und auch weitere Ausfälle befürchten zu müssen."

So viele Mitarbeitende wie möglich und so wenig Patienten wie nötig.

"Unbedingt! Die Versorgung von Notfallpatienten und lebensbedrohlich erkrankten Menschen, die Belastbarkeit unseres Gesundheitssystems, hängt selbstverständlich entscheidend davon ab, wie viele Mitarbeitende in den Kliniken und Praxen für die Behandlung zur Verfügung stehen.
So kann ich für die Intensiv- und Notfallmedizin mit Blick auf die Zahlen sagen: Ja, wir haben heute die gleiche Anzahl an COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen zu versorgen wie im vergangenen Jahr zur gleichen Zeit, uns stehen hierfür auch gute Medikamente zur Verfügung. Gleichzeitig sehe ich aber im DIVI-Intensivregister, dass heute gegenüber dem gleichen Tag im Jahr 2021 1.850 Intensivbetten weniger zur Verfügung stehen.
Die Betriebssituation ist deshalb sehr vulnerabel und reagiert sofort auf die Mehrbelastung beim Anstieg durch neue COVID-19-Patienten oder zahlreiche Einweisungen durch eine Grippe-Welle. Wir müssen uns also unbedingt um die Patienten kümmern, aber auch um diejenigen, die sie versorgen!"

*) Die DIVI weist darauf hin, dass im gemeinsam mit dem RKI betriebenen DIVI-Intensivregister ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen von COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen zu sehen ist, allerdings hier auch Fälle aufgeführt werden, die aufgrund einer anderen Erkrankung intensivmedizinisch behandelt werden müssen und bei denen die Sars-CoV-2-Diagnose nicht im Vordergrund der Erkrankung bzw. Behandlung steht.
Allerdings werden 50% der aktuell behandelten COVID-19-Patienten beatmet (invasiv, NIV oder high flow), was ein Hinweis für einen sehr schweren Verlauf ist. Von den beatmeten Patienten verstirbt derzeit die Hälfte.

Pressekontakt:

Nina Meckel
Pressesprecherin der DIVI
presse@divi.de
Tel: +49 (0)89 / 230 69 60 21
Fax: +49 (0)89 / 230 69 60 60


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