MC.B - Verlag GmbH|11.05.2022

PRESSEMITTEILUNG

GKV-Mitgliederentwicklung: Laufen den AOKen die Mitglieder weg?

Berlin (kkdp)·Nicht erst, seit sich Deutschland in einer wirtschaftlich rezessiven Situation befindet, reagieren die Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) außerordentlich preissensibel. Erhöht eine der 97 noch existierenden Krankenkassen auch nur geringfügig ihren individuellen Zusatzbeitragssatz (ZBS), dann kündigen viele - unter Mitnahme ihrer mitversicherten Angehörigen - die Mitgliedschaft und wechseln zu einer anderen Körperschaft. Das traf im I. Quartal 2022 vor allem das so genannte "grüne Lager" der GKV. Also die elf Ortskrankenkassen (AOKen). Während Betriebs-, Ersatz- und Innungskrankenkassen durch ihre Zuwächse dazu beitrugen, daß GKV-weit mit 57.378.711 Mitgliedern zum Stichtag 1. April 2022 wieder ein neuer Rekordwert erreicht werden konnte, verloren acht der elf AOKen per Saldo Mitglieder (vgl. Chart). Die AOK-Familie sackte insgesamt um netto 29.733 Köpfe ab. Von den sechs GKV-Kassenarten teilten - strukturbedingt - nur die Bochumer Knappschaft (KBS) und die Kasseler Landwirtschaftliche Krankenversicherung (SVLFG) das negative Schicksal. Das geht aus den Erhebungen der Redaktion des gesundheitspolitischen Hintergrunddienstes "dfg - Dienst für Gesellschaftspolitik" zum 57. dfg-GKV-Mitglieder-Ranking hervor, das am 12. Mai 2022 in der aktuellen Printversion erscheint.

1996 entließ bekanntlich der Gesetzgeber die Kassen in den Wettbewerb. Sie sollten wie "Unternehmen" in einem "Markt" namens GKV agieren. Seither herrscht ein lebhafter Akquisitionsbetrieb bei den Körperschaften um potentielle (Neu-)Kunden. Die absolute GKV-Marktführung mußte die AOK-Familie bereits Anfang des 21. Jahrhunderts an das so genannte "blaue Lager" der sechs Ersatzkassen abgeben. Trotz aller Bemühungen holte man seither die davoneilenden Mitglieder des vdek nicht mehr ein. Durch den aktuellen Verlust öffnet sich die Schere zwischen AOKen und vdek-Kassen noch weiter. Denn die Ersatzkassen gewannen in den ersten drei Monaten des Jahres 2022 per Saldo 104.220 Mitglieder hinzu. Die Ergebnisse der noch 72 Köpfe umfassenden Familie der Betriebskrankenkassen (BKKen) mit plus 61.657 Mitgliedern sind angesichts der BKK-Marktteile sogar noch beachtlicher. Zudem konnten seit längerer Zeit die Innungskrankenkassen (IKKen) wieder punkten. Die sechs IKKen registrierten zusammen per Saldo 6.953 neue Mitglieder in ihren Statistiken.

Die Verluste der AOKen sind zum einen hausgemacht, zum Teil strukturbedingt. Durch diverse Eingriffe des Gesetzgebers in den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) wie in die Grundlagen für den Gesundheitsfonds verlor man liquide Mittel. Auch die jüngsten, tiefen Griffe des Staates in die Rücklagen führten zu einem Finanzabbau. Auch wenn die AOKen es vermochten, das Durchschnittsalter ihrer Mitglieder erheblich zu senken, zählen sie aktuell immer noch zu den so genannten "Versorgerkassen" mit einem hohen Rentneranteil. Durch die coronabedingte "Übersterblichkeit" in Deutschland blieb es nicht aus, daß die hohe Sterbequote gerade Älterer größere Löcher in die Bestände rissen als üblich. "Alles zusammen ergibt eine für den Bestand einer Versorgerkasse gefährliche Melange", wie dfg-Chefredakteur Wolfgang G. Lange kommentierte.

Denn wenn die liquiden Mittel und die täglichen Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds nicht mehr reichen, dann zwingen die gesetzlichen Vorschriften eine Körperschaft zum Erhöhen des kassenindividuellen ZBS. Neun der elf AOKen erhöhten ihre ZBS am Jahresanfang 2022. Nur zwei, die AOK Niedersachsen und die Dresdner AOK PLUS (für Sachsen und Thüringen), griffen nicht zu diesem Mittel. Die Düsseldorfer AOK Rheinland / Hamburg mußte sogar ihren ZBS um 0,5 Prozent erhöhen. Bei der Berliner AOK Nordost (für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) war es innerhalb von zwölf Monaten das zweite Mal. "Das nehmen GKV-Mitglieder aktuell nicht mehr so leicht hin", so Lange weiter. "Sie kündigen und wechseln einfach zu Wettbewerbern. Auch wenn diese regional - wie eine Führungskraft feixend berichtete - über einen höheren ZBS verfügt als die jeweilige AOK. Die Vorschriften geben es her".

Pressekontakt:

Chefredakteur Wolfgang G. Lange
Redakteur André Korn
Redaktion "dfg - Dienst für Gesellschaftspolitik"
Tel: 030 - 275 965 90 oder
0172 - 25 00 324 (Lange) und
0176 - 26 11 94 36 (Korn)
Mail: recherche@dfg-online.de


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