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Mittwoch, 23.05.2018

News & Meldungen

IGeL-Report des Medizinischen Dienstes

Selbstzahlerleistungen widersprechen oftmals medizinischen Empfehlungen und können schaden

03.05.2018·Jeder zweite Patient bekommt beim Arztbesuch "Individuelle Gesundheitsleistungen" (IGeL) angeboten, die privat zu bezahlen sind. Dies berichtet der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbandes (MDS) in seinem IGeL-Report 2018. Erstmals werden in dem Report die Top 10 der meistverkauften IGeL gelistet. Viele der Topseller widersprächen dabei Empfehlungen medizinischer Fachverbände. Durch Überdiagnosen könnten sie sogar Schaden verursachen, so der MDS. Zudem werde auf Patienten teils unzulässig Druck ausgeübt, um die Leistungen in Anspruch zu nehmen.

Die auch Selbstzahlerleistungen genannten IGeL sind nach Angaben des MDS bei Patienten gut bekannt und werden oft in Anspruch genommen. Zu den häufigsten angebotenen und angenommen Leistungen gehöre die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung (Grüner Star). Sie sei jedem fünften Versicherten (22 Prozent), der mit IGeL beim Praxisbesuch in Kontakt kam, angeboten worden. Die zweithäufigste und bei den Frauen (30 Prozent) am meisten angebotene Leistung war dem Report nach der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung. Weitere Topseller seien der Ultraschall des Bauchraums und der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs bei Männern.

© MDS

Top 10-Liste der IGeL

Die Top 10-Liste wurde im Auftrag des MDS vom Marktforschungsinstitut aserto durch eine repräsentative Umfrage bei 2.072 gesetzlich Versicherten ermittelt. Die Liste decke über die Hälfte aller angebotenen Leistungen (53 Prozent) ab, so der MDS. Problematisch sei, dass sie von Leistungen angeführt werde, die vom "IGeL-Monitor" - der Bewertungsplattform des MDS für IGeL im Internet - bereits als "negativ" oder "tendenziell negativ" bewertet wurden.

IGeL-Topseller mit Schadenpotenzial für Patienten

Beim Ultraschall der Eierstöcke handelt es sich sogar um eine Leistung, von der die Fachgesellschaft der Frauenärzte abrät, da in Studien kein Nutzen gezeigt werden konnte und es durch Überdiagnosen zu erheblichen Schäden kommen kann. Das Fazit der Umfrage: "Die IGeL-Angebote orientieren sich nicht am nachgewiesenen medizinischen Nutzen, sondern an den Vorlieben einzelner Arztgruppen und an den Umsatzinteressen der Praxen. Zum Teil werden Patienten unter Druck gesetzt, damit sie solche Leistungen annehmen. Das ist nicht hinnehmbar", fasst Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des MDS, die zentralen Ergebnisse zusammen.

Patienten wünschen nur selten von sich aus IGeL

In der Umfrage wurden die Patienten auch gefragt, ob sie selbst IGeL nachgefragt haben. Nur bei vier Prozent der erbrachten IGeL ging die Initiative von Patienten aus. "Wenn Ärzte IGeL anbieten, dann geschieht das nur in seltenen Fällen auf Wunsch der Patienten", sagt Dr. Christian Weymayr, freier Medizinjournalist und Projektleiter des IGeL-Monitors. Nur 68 Prozent der Befragten seien mit der Reaktion des Arztes zufrieden, wenn sie eine IGeL angeboten kommen und diese auch annehmen. "Mehr als jeder dritte Patient gab sogar an, dass er sich bedrängt oder unter Druck gesetzt fühlte. Das bestätigt sich auch in den Zuschriften, die wir von Nutzerinnen und Nutzern des IGeL-Monitors erhalten", erläutert Weymayr.

Medizinische Leitlinien oftmals unberücksichtigt

Ein häufiges Argument für den Erwerb von IGeL ist nach Angaben des MDS, dass sie in den Arztpraxen im Kontext der medizinischen Notwendigkeit empfohlen werden. Vergleiche man jedoch die Bewertungen des IGeL-Monitors mit den Leitlinien, also systematisch entwickelten wissenschaftlichen Handlungsempfehlungen für Ärzte und Patienten, würde dieses Argument nicht gestützt. "Die Bewertungen des IGeL-Monitors sind oft im Einklang mit nationalen und internationalen Leitlinienempfehlungen" ... und raten von den "IGeL, so wie sie in der Praxis angeboten werden, eher ab", sagt Dr. Michaela Eikermann, Leiterin des Bereichs Evidenzbasierte Medizin beim MDS. Eikermann verdeutlicht am Beispiel Ultraschall zur Eierstockkrebs-Früherkennung, dass das Wissen um mögliche Schäden und den geringen Nutzen seit Langem bekannt sei. Diese Erkenntnis werde aber zu wenig in der Praxis umgesetzt. "Wissen und daraus abgeleitete Empfehlungen, die aus aufwändig entwickelten evidenzbasierten Leitlinien resultieren, kommen in der Arztpraxis nicht an. Wir sehen ein großes Potenzial zur Bereinigung des IGeL-Marktes und zum Schutz der Patientinnen und Patienten vor unnötigen und schädlichen Leistungen. Das vorhandene Wissen muss in die Versorgung gebracht werden - hier sehen wir die medizinischen Fachgesellschaften und Fachverbände in der Pflicht."

Auch die jüngste Bewertung des IGeL-Monitors, die Magnetresonanztomographie (MRT) zur Früherkennung von Brustkrebs sieht das Wissenschaftlerteam eher kritisch (vgl. Box). Die Experten konnten keine Hinweise für einen Nutzen aber Hinweise für Schäden durch die mit der Untersuchung verbundenen Nebenwirkungen in den Studien finden. Daher bewerten sie die Leistung, die Frauen ohne stark erhöhtes Brustkrebsrisiko ergänzend oder alternativ zur Mammographie angeboten wird, als "tendenziell negativ". Die zweite neue Bewertung ist die Osteopathie bei Kreuzschmerz (vgl. Box), bei der eine systematische Recherche und Analyse durchgeführt wurde. Zehn randomisierte kontrollierte Studien wurden auf Nutzen und Schaden unter die Lupe genommen. Insgesamt war die Qualität der Studien schlecht. Nur aus einer methodisch besseren und größeren dieser Studien konnten erste Hinweise abgeleitet werden, nach denen die Patienten durch die Therapie weniger Schmerzen und mehr Beweglichkeit erzielten. Die Studien sagten aber nichts über die Entwicklung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und die Arbeitsunfähigkeit der Patienten aus. Hinweise auf Schäden konnten in den Daten ebenfalls nicht gefunden werden. Daher bewertet der IGeL-Monitor diese Leistung mit unklar.
Hintergrund: IGeL-Monitor
Das Internetportal www.igel-monitor.de wird vom Medizinischen Dienst des GKV-Spitzenverband (MDS) betrieben. Es bietet Versicherten eine wissenschaftlich fundierte Entscheidungshilfe für oder gegen die Inanspruchnahme von Selbstzahlerleistungen. Die Bewertungen des IGeL-Monitors basieren nach eigenen Angaben auf den Methoden der Evidenzbasierten Medizin (EbM). Für die Bewertung von Nutzen und Schaden einer IGeL-Leistung recherchiert das Team aus Medizinern und Methodikern beim MDS in medizinischen Datenbanken. Die Wissenschaftler tragen die Informationen nach einer definierten Vorgehensweise zusammen und werten sie systematisch aus. Das IGeL-Team wägt Nutzen und Schaden gegeneinander ab und fasst das Ergebnis in einer Bewertungsaussage zusammen, die von "positiv", "tendenziell positiv" und "unklar" bis zu "tendenziell negativ" und "negativ" reicht.

Darüber hinaus bietet das Portal Informationen zur wissenschaftlichen Recherche und Analyse sowie zu den Leistungen der Krankenkassen bei entsprechenden Beschwerden. Patienten erhalten Auskunft über die Preisspanne und Tipps für den Fall, dass ihnen IGeL angeboten werden.

 

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