Weiter im Minus

Kassen schließen das 3. Quartal 2021 mit Milliardendefizit ab

06.12.2021·Die gesetzlichen Krankenkassen schreiben weiter rote Zahlen. Das zur Jahresmitte eingefahrene Defizit von 1,9 Milliarden Euro ist zum Ende des 3. Quartals auf 3,2 Milliarden Euro angewachsen. Dies hat das Bundesgesundheitsministerium am Freitag in Berlin mitgeteilt. Trotz der damit anhaltenden Unterdeckung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) blieben die Beiträge zunächst stabil. Möglich wird dies insbesondere durch die Rücklagen der Kassen, die damit zum 30.09.2021 erneut gesunken sind.

Den Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen von rund 208,0 Milliarden Euro (+6,9 Prozent) standen im 1. bis 3. Quartal Ausgaben für Leistungen und Verwaltungskosten von rund 211,2 Milliarden Euro (+4,8 Prozent) gegenüber. Der durchschnittlich von den Krankenkassen erhobene Zusatzbeitragssatz lag zum Stichtag bei 1,28 Prozent und damit weiterhin leicht unterhalb des vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) für das Jahr 2021 festgelegten durchschnittlichen Zusatzbeitragssatzes (vgl. "Links zum Thema") von 1,3 Prozent.

Weiter deutliche Reduzierung der Rücklagen

Möglich macht dies auch der Abbau vorhandener Rücklagen bei den Krankenkassen. Deren Finanzreserven betrugen Ende September 2021 noch rund 13,6 Milliarden Euro, was im Durchschnitt aller 102 Krankenkassen etwa 0,58 Monatsausgaben entspricht. Die gesetzlich vorgeschriebene Mindestrücklage beträgt 0,2 Monatsausgaben.

Stand der GKV-Rücklagen am:

30.09.2021: 13,6 Milliarden Euro
30.06.2021: 14,8 Milliarden Euro
31.12.2020: 16,7 Milliarden Euro
31.12.2019: 19,8 Milliarden Euro
30.09.2019: 20,6 Milliarden Euro
30.06.2019: 20,8 Milliarden Euro
31.12.2018: 21 Milliarden Euro

Finanzentwicklung nach Kassenarten

Mit Ausnahme der Ersatzkassen und der landwirtschaftlichen Krankenversicherung, die einen Überschuss von rund 70 bzw. knapp 30 Millionen Euro erzielten, verbuchten alle anderen Krankenkassenarten im 1. bis 3. Quartal Defizite:

AOK: rund 2,7 Milliarden Euro
Betriebskrankenkassen (BKK): 344 Millionen Euro
Innungskrankenkassen (IKK): 207 Millionen Euro
Knappschaft: 23 Millionen Euro

Einzelkassenbezogen verbuchten 72 Krankenkassen Defizite und 30 Krankenkassen Überschüsse. In dieser Heterogenität der Finanzergebnisse spiegelt sich nach Einschätzung des BMG die unterschiedliche Verteilung der Finanzreserven als Maßstab für die vom Gesetzgeber eingeführte Vermögensabführung an den Gesundheitsfonds wider. Von den rund 4 Milliarden Euro, die dem Gesundheitsfonds von allen gesetzlichen Krankenkassen im 1. Halbjahr zugeführt wurden, haben die AOKen etwa 2,1 Milliarden Euro, die Ersatzkassen etwa 1,1 Milliarden Euro, die Betriebskrankenkassen rund 400 Millionen Euro, die Innungskrankenkassen 240 Millionen Euro und die Knappschaft knapp 100 Millionen Euro aufgebracht.

Ergebnis des Gesundheitsfonds

Der Gesundheitsfonds, der zum Stichtag 15.01.2021 über eine Liquiditätsreserve von rund 5,9 Milliarden Euro verfügte, verzeichnete im 1. bis 3. Quartal 2021 ein Defizit von rund 2,0 Milliarden Euro. Dieses Defizit entspreche laut BMG in etwa dem Niveau der vergangenen Jahre, wenn Corona-Sondereffekte wie insbesondere die Zahlung des ergänzenden Bundeszuschusses zu Beginn des Jahres berücksichtigt würden. Für pandemiebedingte Aufwendungen wie Ausgleichszahlungen für Krankenhäuser, Testen, Impfen oder auch Schutzmasken wurden aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds bis Ende September insgesamt rund 15,3 Milliarden Euro ausgezahlt. Davon habe der Bund im 1. bis 3. Quartal rund 15,0 Milliarden Euro an den Gesundheitsfonds erstattet. Der Zuwachs der Beitragseinnahmen blieb mit 3,0 Prozent weiterhin hinter den Veränderungsraten der Vorkrisenjahre mit durchschnittlich über vier Prozent zurück.

Entwicklungen bei den Ausgaben

Bei den Krankenkassen gab es im 1. bis 3. Quartal einen absoluten Ausgabenzuwachs für Leistungen und Verwaltungskosten von 4,8 Prozent. Die Leistungsausgaben stiegen um 5,1 Prozent, bei den Verwaltungskosten gab es einen Rückgang um 1,2 Prozent.

Bei der Interpretation der Daten durch das BMG ist grundsätzlich zu berücksichtigen, dass die Ausgaben in vielen Leistungsbereichen von Schätzverpflichtungen geprägt sind, da Abrechnungsdaten häufig noch nicht oder nur teilweise vorliegen. Betroffen hiervon sind insbesondere die Bereiche der vertragsärztlichen Vergütung sowie der Krankenhausabrechnungen.

Ausgabenentwicklung in einzelnen Leistungsbereichen

Im Bereich der ärztlichen Behandlung kam es zu einem Ausgabenanstieg von 1,8 Prozent, nachdem im 1. Halbjahr der Anstieg noch 6,8 Prozent betragen hatte. Eine Ursache hierfür sieht das BMG im Korrekturverfahren zur Bereinigung der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz. Da für das 2. und 3. Quartal noch keinerlei Abrechnungsdaten der Ärzte vorlägen, seien die Veränderungsraten noch unsicher und in hohem Maße von Einschätzungen der Krankenkassen geprägt.

Auch bei den Krankenhausausgaben, die im 1. Halbjahr noch um 5,7 Prozent gestiegen sind, verbuchten die Krankenkassen im 1. bis 3. Quartal wieder einen deutlich geringeren Anstieg von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dabei sei zu berücksichtigen, dass die Krankenhäuser bis Ende September rund 5,1 Milliarden Euro aus Steuermitteln für freigehaltene Betten erhielten.

Die Ausgaben für Arzneimittel stiegen im 1. bis 3. Quartal um 6,2 Prozent nach 4,1 Prozent im ersten Halbjahr. Hier haben sich die Ausgabenzuwächse im Jahresverlauf bei einer weiterhin dynamischen Strukturkomponente wieder erhöht. Dies ist auch durch die zu Jahresbeginn erfolgte Beendigung der temporären Mehrwertsteuer-Absenkung bedingt, die zu höheren Veränderungsraten in der zweiten Jahreshälfte führt.

Bei den Krankengeldausgaben, die einen Anstieg von 3,1 Prozent verzeichneten, ist das hohe Ausgabenniveau im Vorjahreszeitraum (+12,0 Prozent) zu berücksichtigen.

Die Veränderungsrate der Verwaltungskosten der Krankenkassen liegt mit -1,3 Prozent deutlich unterhalb des Steigerungswertes der Leistungsausgaben. Hier ist jedoch der über der Entwicklung der Leistungsausgaben liegende Anstieg von 5,8 Prozent im Vorjahreszeitraum zu berücksichtigen. Der Rückgang der Verwaltungskosten im laufenden Jahr resultiert laut Ministerium vor allem aus geringeren Alterungsrückstellungen.

Weitere Entwicklung

Die vorläufigen Finanzergebnisse der Krankenkassen für das Gesamtjahr 2021 werden Anfang März 2022 vorliegen. Die deutliche Steigerung der Corona-Fallzahlen im Laufe des letzten Quartals und die zunehmende Hospitalisierung und Belegung der Intensivstationen durch COVID-19-Patienten dürfte wieder zu einer Verschiebung von planbaren Operationen in den Krankenhäusern und damit auch zu einer weiteren Abflachung der von den Krankenkassen zu zahlenden Krankenhausausgaben führen. Entsprechende Ausgleichszahlungen für die Krankenhäuser werden vom Bund finanziert.

Mit der durch das neue Parlament im November verabschiedeten Bundeszuschussverordnung 2022 (vgl. "Links zum Thema") steigt der jährliche Steuerzuschuss an den Gesundheitsfonds für 2022 um 14 Milliarden Euro auf insgesamt 28,5 Milliarden Euro. Auf diese Weise kann der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz auch für das kommende bei 1,3 Prozent gehalten und die von der alten Bundesregierung gegebene Sozialgarantie eingehalten werden. Die Garantie beinhaltet, dass die Sozialversicherungsbeiträge in Summe nicht über 40 Prozent steigen.


GKV-Newsletter
GKV-Newsletter - "einfach" informiert bleiben

Der kostenfreie Infoservice zur GKV und Gesundheitspolitik

Termine

Termine zu den Themen­bereichen Sozialver­sicherung, Krankenkassen und Karriere in der GKV:

Terminhinweise, Kalender
Weitere News

Infektionsschutzgesetz

Fehlende Booster-Impfung kann Entgeltfortzahlung kosten

Wer sich trotz öffentlicher Empfehlung nicht "boostern" lässt, kann dadurch im Quarantänefall den Anspruch auf Entgeltersatz verlieren. Dies stellt der... mehr


"Sonntagsreden" der Politik

Kliniken: Bundesländer bleiben Finanzierungsanteil auch während der Pandemie schuldig

Die Bundesländer sind ihrer Pflicht zur Finanzierung der Investitionen der Krankenhäuser auch während der Corona-Pandemie nicht nachgekommen. Das ergibt die... mehr


Vorwurf der Untreue

Staatsanwaltschaft Hamburg erhebt Anklage gegen AOK-Vorstände

Die Staatswanwaltschaft Hamburg hat gegen mehrere Beschäftigte der AOK Rheinland/Hamburg Anklage beim Landgericht Hamburg erhoben. Vorgeworfen wird ihnen die Untreue... mehr

mehr News ...