Wissenschaftliches Institut der AOK|13.10.2026
PRESSEMITTEILUNG
Mehr als ein Drittel aller Hausarztpraxen in Deutschland setzt bereits auf interprofessionelle Versorgung
Vor dem Hintergrund der Pläne der Bundesregierung zur Einführung eines teambasierten Primärversorgungssystems und des demografischen Wandels zeigt eine erste bundesweite Bestandsaufnahme des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), dass qualifiziertes, nicht-ärztliches Praxispersonal in Deutschland bereits in mehr als einem Drittel der Hausarztpraxen in die Patientenversorgung eingebunden wird, allerdings mit deutlichen regionalen Unterschieden. Im Vergleich der verschiedenen Krankheitsarten lagen die psychischen Erkrankungen 2025 mit durchschnittlich 14,1 AU-Fällen je 100 Mitglieder zwar weit hinter den Atemwegserkrankungen, die mit 80,3 Fällen AU-Fällen je 100 Mitglieder die Statistik anführen. Sie nahmen aber bei der durchschnittlichen Dauer der Krankschreibung je Fall mit 28,5 Tagen einen Spitzenplatz ein. Zum Vergleich: Bei den Atemwegserkrankungen waren es 2025 nur 5,7 Tage je Fall. Ein überdurchschnittlicher Anstieg von 77 Prozent war laut Fehlzeiten-Report bei den Burnout-Diagnosen zu verzeichnen: Während 2016 noch 11,0 Ausfalltage je 100 AOK-Mitglieder mit der Diagnose Burnout erfasst wurden, waren es 2025 bereits 19,5 Tage.
Die Ergebnisse wurden in dem e-Paper "Interprofessionelle Teams in der hausärztlichen Versorgung. Eine Bestandsaufnahme auf Basis von Routinedaten" veröffentlicht. Analysiert wurden dafür AOK-Abrechnungsdaten der Jahre 2015 bis 2024 für zwei in Deutschland etablierte berufliche Qualifizierungsmodelle, die gezielt zur Entlastung der hausärztlichen Kapazitäten beitragen können: NäPA (Nicht-ärztliche Praxisassistenzen) und VERAH (Versorgungsassistenzen in der Hausarztpraxis). Beide Qualifikationen weisen ein ähnliches Tätigkeits- und Kompetenzprofil auf und übernehmen u. a. Aufgaben in der Wundversorgung und Betreuung chronisch Kranker.
Der WIdO-Studie zufolge haben beide Berufsbilder in den letzten zehn Jahren stark an Bedeutung für die Versorgung gewonnen: Die Anzahl hausärztlicher Praxen, die mindestens eine dieser Fachkräfte beschäftigten, stieg im Beobachtungszeitraum von rund 7.000 auf über 11.000 an - trotz einer insgesamt rückläufigen Anzahl an Praxen. "Das entspricht einem Gesamtzuwachs von etwa 60 Prozent innerhalb von zehn Jahren", sagt WIdO-Geschäftsführer Dr. David Scheller-Kreinsen. "Gleichzeitig sehen wir allerdings auch: knapp zwei Drittel der hausärztlichen Praxen (63 Prozent) beschäftigen bislang noch keine NäPA oder VERAH, hier gibt es noch erhebliches Ausbaupotenzial."
Die Analyse des WIdO identifiziert dabei klare Muster, unter welchen Bedingungen die interprofessionelle Versorgung bereits verbreitet ist. So werden NäPA und VERAH vor allem in größeren, arbeitsteilig organisierten Praxen mit mehreren Ärztinnen und Ärzten eingesetzt. Scheller-Kreinsen: "Der Grund dürfte darin liegen, dass größere Praxen eher über die nötigen organisatorischen und räumlichen Ressourcen verfügen." Darüber hinaus gibt es mehr NäPA und VERAH im ländlichen Raum: Hier beschäftigt fast jede zweite Hausarztpraxis eine dieser Berufsgruppen (47 Prozent), während es in städtischen Regionen nur 27 Prozent sind.
Praxen mit NäPA und VERAH versorgen anteilig etwas mehr chronisch kranke und pflegebedürftige Patientinnen und Patienten. Ansonsten unterscheiden sie sich im Patientenklientel nur geringfügig von Praxen ohne NäPA und VERAH. Besonders deutlich wird der Beitrag zur Versorgung bei den Hausbesuchen: 84 Prozent der NäPA- und VERAH-Praxen boten Hausbesuche an, die von qualifizierten Gesundheitsfachberufen durchgeführt wurden. In Praxen ohne NäPA oder VERAH waren es nur 36 Prozent. Bei den ärztlichen Hausbesuchen selbst ergab der Vergleich beider Praxistypen allerdings kaum einen Unterschied. Scheller-Kreinsen: "Das spricht dafür, dass NäPA und VERAH die Hausbesuchskapazität erweitern, ärztliche Hausbesuche aber nicht ersetzen."
Sachsen-Anhalt ist Vorreiter
Auf Ebene der Bundesländer zeigt die Analyse ebenfalls deutliche Unterschiede beim bisherigen Einsatz von NäPA und VERAH: So verzeichnet Sachsen-Anhalt mit fast 60 Prozent den höchsten Anteil an NäPA-/VERAH-Praxen, gefolgt von Baden-Württemberg mit etwa 50 Prozent. Die niedrigsten Quoten weisen die beiden Stadtstaaten Berlin (14 Prozent) und Hamburg (27 Prozent) auf.
Die Analyse auf Kreis-Ebene zeigt zudem, dass der Einsatz von NäPA und VERAH in Regionen mit geringerer hausärztlicher Versorgung am stärksten verbreitet ist. Besonders hohe Anteile von über 60 bis hin zu 80 Prozent gibt es im östlichen Deutschland, insbesondere in weiten Teilen Sachsen-Anhalts und Thüringens, sowie im süddeutschen Raum, vor allem in Baden-Württemberg. Qualifizierte Gesundheitsfachberufe sind demnach dort etwas häufiger vertreten, wo vergleichsweise wenige Hausärztinnen und Hausärzte die Bevölkerung versorgen. Auch in Regionen, die aufgrund der Altersstruktur der dortigen Hausärzteschaft früh mit der Frage der Sicherstellung hausärztlicher Versorgung konfrontiert waren, sind heute interprofessionelle Teams tendenziell eher verbreitet.
Aus der Analyse lassen sich laut Scheller-Kreinsen folgende Schlussfolgerungen für die anstehende Primärversorgungsreform ziehen: "Die Ergebnisse legen nahe, dass vor allem größere und arbeitsteilig organisierte Praxen besonders gute Rahmenbedingungen bieten, um qualifizierte Gesundheitsfachberufe in die Primärversorgung einzubinden. Außerdem weisen sie darauf hin, dass die Versorgung insbesondere durch den Ausbau der Hausbesuchskapazitäten gestärkt wird. Das sollte die Reform berücksichtigen. Dies sollte schon jetzt bei neu zu besetzenden hausärztlichen Sitzen mitgedacht werden, da Fachkräftemangel und Fälle chronischer Morbidität in den nächsten Jahren stark zunehmen werden."
Außerdem verdeutliche die Studie, dass die Debatte über die demografischen Herausforderungen in der Primärversorgung bisher zu kurz greife, wenn sie allein auf die Entwicklung ärztlicher Kapazitäten abstellt und den Versorgungsbeitrag qualifizierter Gesundheitsfachberufe unberücksichtigt lässt, so Scheller-Kreinsen. Dies betrifft auch die Diskussion über geeignete Handlungsoptionen: "Die erhebliche regionale Varianz zeigt, dass die bestehenden Möglichkeiten zur arbeitsteiligen Versorgung bislang regional unterschiedlich genutzt werden und noch deutliche Entwicklungspotenziale bestehen."
Ausgangsbasis Abrechnungsdaten
Für die als e-Paper veröffentlichte Analyse "Interprofessionelle Teams in der hausärztlichen Versorgung. Eine Bestandsaufnahme auf Basis von Routinedaten" wurden AOK-Abrechnungsdaten der Jahre 2015 bis 2024 ausgewertet. Auf Basis dieser Daten lässt sich ableiten, ob eine Praxis (wenn sie die entsprechenden Anforderungen erfüllt) eine NäPA oder VERAH beschäftigt, nicht jedoch, wie viele NäPA bzw. VERAH je Praxis tätig sind oder welche konkreten Tätigkeiten diese ausüben. Lediglich für Hausbesuche ist eine konkrete Zuordnung zu den NäPAs bzw. VERAHs möglich.
Carolina Pioch, Robert Messerle
Interprofessionelle Teams in der hausärztlichen Versorgung. Eine Bestandsaufnahme auf Basis von Routinedaten (PDF, 1.1 MB)
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