Bundesverband Gesundheits-IT e.V.|23.06.2026

PRESSEMITTEILUNG

bvitg warnt vor Zentralisierungskurs der gematik - Transformationsplan 2030 gefährdet TI-Stabilität, Innovation und Wettbewerb in der Gesundheits-IT

Berlin (kkdp)·Der Bundesverband Gesundheits-IT - bvitg e. V. blickt mit großer Sorge auf das von den Gesellschaftern der gematik GmbH am 19. Juni 2026 beschlossene Papier "Konzept TI-Betriebsstabilität und Transformationsplan 2030". Die darin skizzierten Ansätze zur Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur gehen weit über die Behebung aktueller Herausforderungen im TI-Betrieb hinaus. Statt auf die Weiterentwicklung eines wettbewerblich organisierten Ökosystems zu setzen, sieht das Konzept eine weitreichende Zentralisierung von Beschaffung, Betrieb und Verantwortung bei der gematik vor. Damit würde ein grundlegender ordnungspolitischer Kurswechsel eingeleitet, der Wettbewerb, Innovationskraft und Investitionssicherheit im Gesundheitswesen gefährdet. Der bvitg lehnt diesen Ansatz entschieden ab und begründet dies wie folgt:

Struktureingriff statt Stabilitätsmaßnahme - mit Auswirkungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland

Das Konzept nennt als ausdrückliches Ziel eine "geringere Anzahl an TI-Teilnehmern und Produkten" - eine weitreichende Strukturentscheidung mit gravierenden Folgen für Innovation, Wettbewerb und Versorgungssicherheit. Mit dem Wechsel vom Zulassungs- zum Beauftragungsmodell übernimmt die gematik eine ordnungspolitisch problematische Doppelrolle als neutraler Rahmengeber und zentraler Auftraggeber zugleich.

Wer Wettbewerb, Innovation und Investition in den eHealth-Standort Deutschland durch ein Betreibermodell radikal konterkariert, der schadet damit auch der langfristigen Souveränität und dem fortwährenden Streben nach immer besseren Lösungen. Wir möchten digitale Gesundheit gemeinsam effizient und sicher auf ein State-of-the-Art Niveau bringen.

Wer Wettbewerb im Backend vollständig ausschaltet, bremst Innovation im Frontend. Innovationen in Anwendungen und Diensten sind nur möglich, wenn die zugrunde liegenden Plattformen und Schnittstellen kontinuierlich weiterentwickelt werden können. Eine einmalige Vergabe zentraler Plattformleistungen gefährdet diese Innovationsdynamik.


Falsche Diagnose: Das Einmaligkeitsprinzip ist keine Antwort auf die Herausforderungen der TI

Die Ursachen für Instabilitäten der Telematikinfrastruktur liegen nicht in der Anzahl der beteiligten Anbieter. Vielmehr sind Defizite in der Governance, der Qualität und Eindeutigkeit von Spezifikationen sowie eine unzureichende Harmonisierung von Roadmaps wesentliche Treiber der bestehenden Probleme. Ein erheblicher Teil der jüngsten Störungen war auf zentrale institutionelle Dienste zurückzuführen - nicht auf Leistungen der Industrie.

Die im Konzept vorgesehene weitere Zentralisierung setzt daher an der falschen Stelle an. Sie schafft neue technische und organisatorische Abhängigkeiten und erhöht die Konzentration kritischer Funktionen bei einzelnen Akteuren. Dadurch entstehen zusätzliche Single Points of Failure, die die Resilienz der Telematikinfrastruktur schwächen und das Risiko großflächiger Ausfälle erhöhen.

Die bestehenden Herausforderungen bei der Betriebsstabilität der Telematikinfrastruktur lassen sich nicht allein durch Änderungen am Betreiber-Modell lösen. Vielmehr bedarf es eines schrittweisen und risikominimierenden Transformationsansatzes, der technologische, organisatorische und betriebliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund sollte die Migration erster zentraler Fachdienste wie VSDM und eRezept auf die Zielarchitektur der TI 2.0 priorisiert werden, um belastbare Erfahrungen zu sammeln und die Betriebsstabilität nachweislich zu erhöhen. Das von der gematik skizzierte Betreiber-Modell birgt hingegen das Risiko, durch die vorgesehene Beauftragung zentraler Leistungen ohne wettbewerbliche Ausschreibung ab dem vierten Quartal 2026 schwer reversible Pfadabhängigkeiten bis mindestens 2030 zu schaffen. Dadurch würde der Handlungsspielraum für künftige technologische und organisatorische Weiterentwicklungen erheblich eingeschränkt, bevor wesentliche Elemente der Zielarchitektur praktisch erprobt und bewertet werden konnten. Ein Stufenmodell mit klar definierten Evaluations- und Entscheidungspunkten erscheint daher sachgerechter als eine frühzeitige Festlegung auf langfristige Betreiberstrukturen.

Forderungen des bvitg

Vor diesem Hintergrund fordert der bvitg:

Keine Richtungsentscheidung auf Basis des vorliegenden Konzepts. Wettbewerbliche Entwicklung und Bereitstellung von Lösungen für die Telematikinfrastruktur müssen der Standard bleiben. Zentrale Beschaffung und zentraler Betrieb bleiben auf einzelne Komponenten beschränkt, sofern dies technisch zwingend erforderlich ist.
Keine Beauftragung ohne Wettbewerb. Eine "Beauftragung ohne Ausschreibung" sowie die Verdrängung von Leistungen, die im Wettbewerb erbracht werden können, müssen ausgeschlossen werden.
Transparente Folgenabschätzung vor jeder Festlegung. Bevor weitreichende Strukturentscheidungen getroffen werden, sind die Auswirkungen auf Wettbewerb, Innovation, Investitionen und Beschäftigung umfassend zu analysieren und offenzulegen. Zudem würden erweiterte operative Aufgaben der gematik zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen erfordern. In Zeiten angespannter Finanzlagen der gesetzlichen Krankenversicherung würde dies die Beitragszahler zusätzlich belasten.
Klare Rollenverteilung im TI-Ökosystem. Die gematik sollte sich auf ihre Kernaufgaben als Orchestrator, Standardisierer und Qualitätssicherer konzentrieren. Die Industrie ist frühzeitig und systematisch in die Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur einzubinden.
Erst die Wirkung bestehender Maßnahmen bewerten, dann neue Strukturentscheidungen treffen. Die bereits eingeleiteten Maßnahmen im Rahmen der TI 2.0, insbesondere beim E-Rezept und beim Versichertenstammdatenmanagement (VSDM), sollten schnellstmöglich umgesetzt und evaluiert werden, bevor langfristige ordnungspolitische Weichenstellungen vorgenommen werden. Instabilitäten sind auch auf die veraltete TI 1.0 und fehlende Erfahrungen mit der TI 2.0 zurückzuführen.

Eine stabile TI gelingt nur im Schulterschluss zwischen einer fokussierten gematik und einer leistungsfähigen Gesundheits-IT-Branche - im Interesse der Patientinnen und Patienten.

Bundesverband Gesundheits-IT - bvitg e. V.: Der bvitg e. V. vertritt in Deutschland die führenden IT-Anbieter im Gesundheitswesen, deren Produkte je nach Segment in bis zu 90 Prozent des ambulanten und stationären Sektors inklusive Reha-, Pflege- und Sozialeinrichtungen eingesetzt werden. Über 70 Prozent der Unternehmen sind international tätig.

Pressekontakt:

Juliana Gralak
E-Mail: presse@bvitg.de
Mobil: +49 170 5521 798


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