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Sonntag, 15.07.2018

News & Meldungen

Gutachten zum Risikostrukturausgleich

Wissenschaftlicher Beirat hält regionale Unterschiede bei Zuweisungen für wettbewerblich problematisch

11.07.2018·Der Wissenschaftliche Beirat zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs hat am 10.07.2018 sein Gutachten zu den regionalen Verteilungswirkungen des Risikostrukturausgleichs vorgelegt und Vorschläge für Reformen unterbreitet. Als problematisch sehen die Experten insbesondere zuweisungsbedingte, regionale Unter- und Überdeckungen. Diese böten Anreize zur Risikoselektion und seien wettbewerblich problematisch.

Laut Gutachten differieren die Krankheitslast und Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) regional erheblich, was auch die Zuweisungen an die Krankenkassen aus dem Gesundheitsfonds über den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA / M-RSA) entsprechend unterschiedlich ausfallen lässt. Kritisch bewerten die Experten dabei, dass entstehende Unter- und Überdeckungen, also Unterschiede zwischen der Höhe der Zuweisungen und den Leistungsausgaben, auf regionaler Ebene verbleiben. Diese regionalen Unterschiede erachtet der Beirat mit Blick auf die damit verbundenen Anreize zur Risikoselektion sowie aus wettbewerblicher Perspektive als problematisch.

Experten raten zur Einführung regionaler Ausgleichsvariablen

Der Wissenschaftliche Beirat schlägt daher vor, in den Morbi-RSA einige regionalstatistische Merkmale als zusätzliche Ausgleichsvariablen einzuführen. In die engere Auswahl sollten die Merkmale bzw. Variablen aufgenommen werden, die statistisch gesehen auf die nach Durchführung des aktuellen Ausgleichsverfahrens noch verbleibenden regionalen Unter- oder Überdeckungen der Ausgaben der Krankenkassen einen großen Einfluss haben. Mit den zehn aussagekräftigsten dieser Variablen könnten rund zwei Drittel der Unterschiede in den Unter- und Überdeckungen auf der Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland erklärt werden, so das Gutachten. Die Hinzunahme weiterer regionalstatistischer Merkmale reduziere die verbleibenden Unterschiede in den Deckungsbeiträgen auf regionaler Ebene nur noch unwesentlich.

Der Wissenschaftliche Beirat erachtet die Anreize, die von einer solchen Ergänzung der Ausgleichsvariablen des Morbi-RSA ausgehen, unter Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsaspekten der Versorgung als akzeptabel. Im Gegensatz hierzu rät der Wissenschaftliche Beirat von Modellansätzen, die direkt auf der Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte einen Ausgleich von Unter- und Überdeckungen vorsehen, ab.

Beitrat empfiehlt weitere Reformen der GKV-Finanzarchitektur

Auch nach Umsetzung des vom Wissenschaftlichen Beirat vorgeschlagenen Modells bleiben weiterhin in regionaler Hinsicht relativ hohe Unterschiede zwischen den Zuweisungen des Gesundheitsfonds und den Leistungsausgaben bestehen. Der Beirat empfiehlt daher auf mittlere Sicht ergänzende Regelungen in der regionalen GKV-Finanzarchitektur.

Im November 2017 hat der Wissenschaftliche Beirat bereits ein Sondergutachten zu den Wirkungen des Morbi-RSA vorgelegt (vgl. "Links zum Thema"). Es enthält umfangreiche Vorschläge, wie das Ausgleichssystem des Morbi-RSA weiterentwickelt werden kann, wie etwa durch einen verbesserten Umgang mit Multimorbidität von Versicherten oder den Umstieg von einer begrenzten Krankheitsauswahl hin zu einem Ausgleichsverfahren, in dem alle Krankheiten berücksichtigt werden. Die Regionaldimension konnte damals in dem Sondergutachten 2017 nicht empirisch untersucht werden, da die dazu notwendigen Angaben zum Wohnort des Versicherten erst seit kurzem von den Krankenkassen an das Bundesversicherungsamt gemeldet werden.

Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats, Prof. Dr. Jürgen Wasem, sagte dazu: "Der Beirat hat zwei Gutachten mit umsetzbaren Vorschlägen zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs vorgelegt. Ein tragfähiges wissenschaftliches Fundament für die Verbesserung der Grundlagen des Wettbewerbs der Krankenkassen und der Versorgung der Versicherten ist damit gelegt."

AOK begrüßt Ablehnung eines IST-Ausgaben-Ausgleichs

Unter Bezug auf die Langfassung des Gutachtens (vgl. "Links zum Thema") sieht der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, bestätigt, dass die Finanzergebnisse der Krankenkassen nichts mit der regionalen Verteilung der Versicherten zu tun hätten. Die von den Gutachtern letztlich vorgeschlagenen regionalstatistischen Merkmale konzentrierten sich auf Morbiditäts- und Mortalitätsvariablen. "Uns ist wichtig, dass der Einfluss der regionalstatistischen Merkmale sich daran bemisst, in welchem Umfang er Risikoselektionsanreize auf Ebene der Versicherten und Versichertengruppen reduziert", so Litsch. Dies sei die übergeordnete Zielstellung des Morbi-RSA. Ein Regionalfaktor dürfe "nicht Über-, Unter- und Fehlversorgung zementieren beziehungsweise Geld aus ländlichen Regionen in überversorgte Städte lenken". Vor diesem Hintergrund lehne auch der Wissenschaftliche Beirat einen IST-Ausgaben-Ausgleich auf regionaler Ebene ab. Die AOK begrüße dies ausdrücklich, denn sonst "würden schwere Fehlanreize bei der wirtschaftlichen Verwendung von Kassenbeiträgen entstehen".
Aufgaben des Wissenschaftlichen Beirats
Der Wissenschaftliche Beirat zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs hat die Aufgaben:

das Bundesversicherungsamt bei der Auswahl, Anpassung und Pflege eines Versichertenklassifikationsmodells für die Bildung von Morbiditätsgruppen im Risikostrukturausgleich zu beraten,
50 bis 80 kostenintensive chronische Krankheiten und Krankheiten mit schwerwiegendem Verlauf vorzuschlagen, die der Auswahl der Morbiditätsgruppen zugrunde liegen und diese Auswahl jährlich zu überprüfen.

Weiter können das Bundesministerium für Gesundheit oder das Bundesversicherungsamt im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Gesundheit den Beirat mit der Erstattung von Sondergutachten und Stellungnahmen beauftragen.

 

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